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Politik, Krieg und Begierde: Antonius (Manfred Zapatka) und Cleopatra (Hanna Scheibe) in einem von Kämpfen ramponierten Hotel.

Premierenkritik

"Antonius und Cleopatra" im Residenztheater: Menschen im Hotel

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München - Thomas Dannemann inszenierte fürs Münchner Residenztheater Shakespeares Drama „Antonius und Cleopatra“

Auf die öffentliche Meinung kommt es an, auch im Krieg. Bilder sind entscheidend, sind Propaganda, sind Waffen. Und weil das so ist, würdigt Octavius seine gefallenen Gegner mit festem Blick in jene Kamera, die ein Kampfgenosse über den aufgebahrten Leichen von Antonius und Cleopatra hält. Noch während der Trauerrede setzt der künftige Kaiser Augustus sich selbst den goldenen Lorbeer aufs Haupt; seine Tränen sind falsch – egal, allein die Aufnahme zählt. Deren Botschaft ist so unmissverständlich, dass Octavius, als die Kamera aus ist, die entscheidenden Worte lapidar im Abgehen sagen kann: „Und dann nach Rom.“

Thomas Dannemann hat am Münchner Residenztheater „Antonius und Cleopatra“ (1623 erstmals erschienen) ins Heute verlegt: In irgendeinen Krieg, Bürgerkrieg, Glaubenskrieg, wie sie uns allabendlich in der „Tagesschau“ begegnen. Denn am Paktieren, an den Intrigen und am Töten hat sich seit der Zeit der Triumvirn Antonius, Octavius und Lepidus kaum etwas geändert. Der Regisseur versteht Shakespeares Drama als Blaupause menschlicher Auseinandersetzungen. Um dies zu betonen, hat Stefan Hageneier auf die Drehbühne vier identische Hotelzimmer gebaut: Beige in Beige, praktisch, steril, austauschbar. So sind sie überall zu finden, in der Ukraine, in Libyen, Syrien oder der Elfenbeinküste. In den Konflikten der Gegenwart kommt Hotels eine besondere Bedeutung zu; es sind losgelöste Orte, in denen verhandelt, gekämpft, pausiert und Zerstreuung gesucht wird. Zudem entstehen hier oft jene Bilder (inklusive des Selfies nach Vertragsabschluss), die den Krieg im Fernsehen und auf Youtube entscheiden. Hier also vögeln Antonius und Cleopatra, hier streiten die Triumvirn, hier findet der Häuserkampf statt, hier tötet sich am Ende erst der Römer, dann seine ägyptische Geliebte.

Es ist ein spannender Ansatz, den Dannemann, der vor drei Jahren am Volkstheater Tschechows „Drei Schwestern“ eher brav bebilderte, für diesen Abend gefunden hat. Am Freitag hatte seine drei Stunden, 45 Minuten lange Inszenierung (eine Pause) Premiere.

Doch der Regisseur überstrapaziert diese überzeugende Idee. So hat etwa Regine Standfuss die Konfliktparteien in unterschiedliche Kostüme gesteckt – Octavius und sein Gefolge sind geschleckte Mafiosi; Antonius und seine Krieger tragen Camouflage; Sextus Pompejus und Konsorten stecken in Ballonseide, Klischeebilder bärtiger Bürgerkrieger vom Balkan oder aus Tschetschenien. Das mag der Unterscheidbarkeit dienen, doch lässt Dannemann die Assoziationen ins Leere laufen, die er mit solchen Motiven auslöst.

Leider verliert sich zudem die Inszenierung nach starkem, bildmächtigem Beginn im Mittelteil und verschleppt das Tempo. Hier hätte die Regie herzhafter zupacken, hätte Szene auf Szene zwingender ineinandergreifen lassen müssen, um Zug in den Abend zu bringen. Doch statt den Druck zu erhöhen, schiebt sich die Drehbühne gemächlich zur nächsten Einstellung. Den Schauspielern ist es da schier unmöglich, Spannung und Intensität zu halten.

Manfred Zapatka gelingt es dennoch. Er zeichnet Antonius als Mann, viril in der Schlacht und im Bett – aber hilflos vor der eigenen Begierde. In die Auseinandersetzung mit Octavius spielt ein weiterer Aspekt hinein: der extreme Altersunterschied, der Antonius zu einem Mann von Gestern macht: „Er trägt die Rose der Jugend“, sagt er an einer Stelle über den Kontrahenten. Doch der Generationenkonflikt bleibt Behauptung; Zapatkas Präsenz lässt Simon Werdelis kaum Raum für eigene Akzente. Die setzt dagegen Thomas Loibl, der seinen Enobarbus zwischen Perversion, Pathos und Pointen schillern lässt.

Hanna Scheibe als Cleopatra ist high auf Heels, aus Begehren, Liebe, Sehnsucht und was noch alles. Sie kiekst und schmollt, zetert und zittert, ist Geilheit und Göre, verführerisch, verrucht, verdammt sexy. Doch zeigt sie nur diese Seite der Ägypterin. Keine Spur etwa von der kühlen Machtfrau, die ihre politischen Ziele bis in ihre Privatgemächer verfolgt und den eigenen Körper zum Verhandlungstisch macht. Das ist eindimensional, bedauerlich – und symptomatisch für eine Inszenierung, die nach einem guten Start laut tosend und wild flackernd dahinplätschert. Herzlicher Applaus.

Von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen: Am 17., 26. Juni sowie am 9., 15., 17. Juli; Karten: Telefon 089/ 21 85 19 40.

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