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Hoch hinaus: Tänzer der Ballett-Akademie in Kinsun Chans „Unleashed“.

Voller Freude auf hohem Niveau

Kritik: Ballettmatinee im Nationaltheater

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München - Die Ballettmatinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater ist ein Muss für alle Tanzbegeisterten. Hier lesen Sie die Premierenkritik.

Man will ja hier nichts verkaufen – aber diese Heinz-Bosl-Ballettmatinee, fester Programmpunkt der Ballett-Festwoche im Münchner Nationaltheater, muss man einfach sehen. Nach der Gala vergangene Woche ist diese Matinee im Grunde eine echte „Junior-Gala“. Und, genau hinschauen: Die Studenten der Ballett-Akademie der Münchner Musikhochschule und das Staatsballett II rücken den Profis ganz schön auf die Pelle – im Hochklassischen und im Zeitgenössischen.

Tanz auf technisch-tänzerisch hohem Niveau – so hatte es Konstanze Vernon (1939–2013) ja 1978 mit Gründung der Heinz-Bosl-Stiftung geplant. Zu Recht stolz sein dürfen jetzt Vernons Nachfolger: der gerade gefeierte Noch-Staatsballettchef Ivan Liška und Akademie-Professor Jan Broeckx, beide übrigens – so wirkt wohl Erfolg – noch nie so locker in ihrer Moderation.

Broeckx fliegt Ende April mit seinen Jungtalenten nach New York zum Youth America Grand Prix. Was wir hier vom großen Wettbewerbs-Paket gesehen haben, ist ziemlich preisverdächtig: in einer „Raymonda“-Variation klassisch-lyrisch Carolina de Souza Bastos, später auch als flammende moderne Powerfrau gesichtet. Rina Nishiuchi als schwarzer Schwan Odile macht mit ihrer in femininen Charme gehüllten hinziselierten Virtuoso-Technik einfach atemlos. Den Pas de deux aus Petipas heute wenig bekanntem „Satanella“ tanzen anmutig verspielt Bianca Gomes Vilarinho Teixeira und Stanislaw Wegrzyn – der seine federnde Sprungkraft sichtbar selbst als Glückserlebnis empfindet.

Diese Freude, tanzen zu dürfen, zu können ist das Markenzeichen dieser Matinee. Wunderbares Beispiel dafür ist „Lomir Tanzn“ von Professor Heinz Manniegel. Zu traditioneller jüdischer Klezmer-Musik fließt die Bewegung bei allen in großer gemeinschaftlicher Verbundenheit direkt aus dem Herzen. Nirgends eine verbissene Technik-Bolzerei – was auf das Pluskonto der Pädagogen geht. Hervorragend bei den Männern – überhaupt bewundert man die stattliche Herrenriege der Akademie – ist das Liften, Tragen und „Ankurbeln“ in der weiblichen Taille zur Vielfach-Pirouette der Dame. Diese Partner-Arbeit ist Spezialgebiet von Professor Kirill Melnikov (den hiesigen Ballettfans noch als blendender Staatsballett-Ballerino in Erinnerung), der den eleganten Pas de deux „Flashback“ beisteuerte. George Balanchines „Allegro Brillante“ ist für die Junior Company ein Repertoire-Eckpfeiler, der sie neoklassisch in Form hält. Ohne dieses Ballett zum Auftakt hätte man ein bisschen mehr Zuschau-Energie für das restliche Programm gehabt: „Three Loves“ zu Rachmaninoff von Maria Barrios, eine Entdeckung Liškas für seine Junior Company. Das Sextett bewegt sich in einer schon traditionellen Ballett-Moderne, die sehr gekonnt ein ästhetisches Bedürfnis des Tanzliebhabers befriedigt. Heraussticht (nicht nur) hier Flemming Puthenpurayil mit seiner Technik und seiner wachen, auf die Ballerinen gerichteten Präsenz – obwohl man ihn im Kopf eher den indischen Bharatanatyam tanzen sieht.

Uns hat am meisten die Uraufführung „Unleashed“ (Entfesselt) des bereits international gefragten Kinsun Chan beeindruckt. Zehn Akademie-Studenten gleiten über die Bühne in energiegeladenen Schüben, die Frauen sportlich emanzipiert, die Männer an langen Seilen. Die kontrolliert explodierenden Bewegungen, die rhythmischen Klänge von Violine und hart angerissenen Gitarrensaiten (Musik: Bryce Dessner, gespielt vom Kronos Quartett), die gespannten und geschwungenen Seile verschmelzen zu einer sinnlichen Raum-Tanz-Choreografie. Und die Tänzer sind darin top.

Von Malve Gradinger

Letzte Vorstellung

am 17. April, 11 Uhr;

Telefon 089/ 33 77 63.

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