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Bevor der See völlig verseucht ist, noch schnell eine fetzige, lässige Show mit (v. li.) Jürg Kienberger, Olivia Grigolli, Walter Hess, Hassan Akkouch, Raphael Clamer, Annette Paulmann und Stefan Merki. 

Premierenkritik

Christoph Marthaler und sein „Tiefer Schweb“: Taminos Weißwurst

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München: Uraufführung von Marthalers erstaunlich politischem Bodensee-Projekt „Tiefer Schweb“ an den  Kammerspielen

Reise an, auf und hinein in den Bodensee – die  bieten  jetzt die Kammerspiele mit „Tiefer Schweb“ von Christoph Marthaler. Die Uraufführung eines Projekts des Theaterwundermanns und Skurrilitätenliebhabers sowie seines kongenialen Dramaturgen Malte Ubenauf durften die Münchner im Schauspielhaus (neuerdings Kammer 1) erleben. Ein schräg-charmantes Bühnenwunder, zumal Marthaler auf die musikalische Gewitztheit von Jürg Kienberger zählen kann: zwischen Bach und Procol Harum. Dass Marthaler nicht nur „seine“ eingefleischten Schauspieler, sondern auch die aus dem angestammten Ensemble zu allerhand fein geklöppelten Sinn- und Unsinnigkeiten verleiten kann (etwa Stefan Merki), hat er längst bewiesen.

Zunächst also werden wir aus dem Off begrüßt auf der MS Kreuzlingen, um auf dem europäischen Binnenmeer eine Dreiländertour zu machen. Blöd nur, dass eine Stelle gesperrt ist: ausgerechnet der „Tiefe Schweb“. Über der tiefsten Stelle des Gewässers ist nämlich eine „temporäre schwimmende Dorfgemeinschaft“ untergebracht, oder sollte man sagen: abgesondert. Wenn nach diesem Prolog dann der eiserne Vorhang hochgeht, befinden wir uns aber weder auf dem Touristen- noch auf dem Flüchtlingsschiff. Wir blicken vielmehr in eine getäfelte Stube, wie man sie von alten Rathäusern kennt. Ein großer Kachelofen gehört zum Kuschelambiente (Bühne: Duri Bischoff); rechts sitzen Leute gebeugt wie Stammtischler nach der fünften Mass. Seltsam sind nur die gluckernden Geräusche und ein schwarzes Drehrad an der Wand.

Erst die Überdruck-Begrüßung und Erklärung des Gruppenhäuptlings (Walter Hess) macht klar, dass dieses Gemütlichkeitsambiente 243 Meter unter dem Wasserspiegel liegt und die „Klausurdruckkammer 55B“ ist. Nach dem Motto „Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis“, wurden die Anwesenden (zwangs-)verpflichtet und schwallen nun einander mit Kommissionsfloskeln zu. Marthaler und sein Team haben da aufs Schönste die Sinnhülsen von Verwaltung, Politik und Expertentum aufgegriffen. Immerhin lässt sich doch aus diesem Wortmüll – später kommt der Plastikmüll – aussortieren, dass „die exterritorialen Bereiche“, im Klartext die Flüchtlingsansiedelung, nervt und deswegen möglichst unter Wasser verschwinden soll.

Zum Glück sind die Kommissionsmitglieder nicht gerade straff arbeitende Befehlsumsetzer. Und zum Glück ist Marthaler keiner der Theatermacher, die nur mit Thesenpapieren rascheln. Deswegen dürfen zum Beispiel ein Froschmann aus dem Mehrzweck-Kachelofen – hier als Eintrittsschleuse – auftauchen und Kekse verteilen oder die Bodenseeschwimmerin (Annette Paulmann sanft naiv) schon früh andeuten, dass Umweltschutz staatlicherseits ganz schnell aufgegeben werden kann. Natürlich wird auch gesungen. „O mein Heimatland“ passt doch wunderbar zur Umweltzerstörung. Dieser Treffer wird indes fast vergessen gemacht von den lebenden Fanfaren (hinreißend: Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Raphael Clamer), die, ja genau, Mozarts Sarastro und Kollegen angemessen präsentieren. Schikaneders Text – übrigens gibt es weitere Zitate von Achternbusch bis Heidegger – kommt gesprochen zur Heiterkeit der Zuschauer richtig zu Ehren. Und Tamino besteht sogar die schrecklichste Prüfung: Was sind die Inhaltsstoffe der Weißwurst? Hassan Akkouch spielt den perfekt integrierten Immigranten mit stiller Hingabe als „Exempel für idealbayerische Einbayerung“.

Unterbrochen wird das Feuerwerk an surrealen, tragikomischen Ideen immer wieder, wenn der Druck steigt. Mit aufgeblasenen Backen torkeln dann die Darsteller in Zeitlupe über die Bühne, bis einer am Rad dreht. Die gemütliche Science-Fiction zeigt ihre Todesfratze. Etwa auch, wenn der Idealbayer, ein ausgewiesener Bakteriologe, die Verseuchung des Bodensees mit resistenten Stämmen anspricht. Unser Grüppchen vertändelt jedoch lieber – wie wir selbst – die Zeit. Da wird eine Trachtenshow geboten, die Wände werden aufgeschoben, neben Wassertanks und Archiv sind Musikinstrumente zu sehen, und es wird vielfältig geträllert. Exzessiv „Geh aus, mein Herz“, auch „Ein feste Burg“ und am Ende „So nimm denn meine Hände“.

Marthaler und seine Truppe schieben in die Heiterkeit von schwyzerdütschem Lied und Popsong mehr und mehr existenzielle Fragen. Das ist unser Bezug zur Natur und zu Menschen. Das ist der Bezug zu Gott und Ethik. Brillant ist der Schachzug, ohne moralischen Fingerzeig still und heimlich einfließen zu lassen, dass gar nicht die Geflüchteten das Problem sind, sondern die Zerstörung des Globus. So wie es aussieht, haben weder die in der Druckkammer noch die in den Schiffen auf dem Bodensee gegen die Bakterien eine Chance. Aber die Truppe nutzt sie. Olivia Grigolli und Ueli Jäggi zeigen vor einer Phalanx von drei Elektro-Pianos, dass sie Pop hundertmal cooler bringen können als all die Größen im Olympiastadion.

 Karten unter  089/ 23 39 66 00.

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