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Dorian Gray und der Verführer: Judith Toth und Thorsten Krohn in dem Stück nach Oscar Wildes Roman.

Premierenkritik: „Das Bildnis des Dorian Gray“

München - Wunderbare Theatermittel: Gil Mehmert inszenierte fürs Münchner Metropol-Theater „Das Bildnis des Dorian Gray“. Die Premierenkritik.

Das Tollste am Intendanten des Münchner Metropol-Theaters, Jochen Schölch, ist, dass er Götter neben sich duldet. Welcher regieführende Theaterleiter beschäftigt schon Kollegen, die auf der gleichen Qualitätsstufe arbeiten wie er selber? Schölch tut es und gibt immer wieder dem hundsbegabten Kollegen Gil Mehmert Raum. Der arbeitet in einem grundsätzlich ähnlichen Theaterverständnis, aber doch höchst eigenständig und bürgt an diesem Haus für gleich bleibende Qualität.

Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ – eine Parabel über Vergänglichkeit und Schönheit, über Charakter und Skrupellosigkeit – passt mal wieder genau in unsere Zeit. Was spielt sich hinter unseren am Bodensee glattgezogenen Gesichtern, den aufgespritzten Lippen und implantierten Busen ab, wenn diese teuer erkaufte Scheinjugend die Grundtatsachen des Lebens verleugnet?

Dorian Gray verliebt sich in sein eigenes Bildnis, das ihm seine Jugend spiegelt, und geht einen verhängnisvollen Pakt ein: Nicht er, das Bildnis soll statt seiner altern. Er selber stürzt sich in ein zügelloses, amoralisches Leben, muss aber voll Schrecken erkennen, dass das Bildnis die Spuren seiner Grausamkeit vorzeigt und schließlich zur Fratze wird.

John von Düffel hat Oscar Wilde neu übersetzt und die Bühnenfassung gemacht, die vor zwei Jahren in Baden-Baden uraufgeführt wurde. Gil Mehmert las sie und wusste sofort: Da muss noch ein anderer Kick her. Mit den plüschigen Kostümen geht es nicht mehr. Das Ganze muss in Richtung Modenschau von Karl Lagerfeld laufen. Er ließ sich von Heike Meixner einen eleganten Showroom bauen mit Laufsteg, Glitzervorhang, blankem Boden und Publikum rundum – so hat man die Metropolbühne nie zuvor gesehen. Dazu engagierte er noch die Musikgruppe elektra volksbad (Sabrina Khalil, Jakob Haas und Adrian Sieber) und legte los.

Judith Toth mit ihrer dunklen, reich aufblühenden Stimme, mit ihrem beweglichen Körper und ihrer sprechenden Mimik ist eine wunderbar androgyne Besetzung für den Dorian Gray. Die Kurve vom hübschen Jüngling über den immer skrupelloser und zynischer werdenden Schönling bis zur Verzweiflung der Erkenntnis gelingt atemberaubend sicher. Den Bösen, den teuflischen Verführer Basil Hallward, ein bisschen der geschminkte Schiffspassagier aus Thomas Manns „Tod in Venedig“, legt Thorsten Krohn im weißen Anzug fabelhaft elegant und zynisch hin, zuverlässig ausgestattet auch mit frechen Wilde-Aphorismen. Krohn weiß auch die episodischen Nebenrollen flusenfrei zu charakterisieren. Konstantin Moreth hat in all diesem falschen Glanz den echt Fühlenden zu spielen. Schafft er gut. Er ist der Künstler, der Erschaffer des Bildnisses – heute eben kein Maler mehr, sondern ein Fotograf.

Mehmerts Theatermittel bestechen. Nie Naturalismus. Wunderbar, wie er bei der Schauspielszene der Julia den Shakespeare-Text nicht direkt sprechen, sondern leise aus dem Off drüberlegen lässt, wie er mit einem knappen Lichtwechsel auf leerer Bühne eine Londoner Straßenszene so imaginiert, dass man vor dem inneren Auge ein ganzes Charles-Dickens-Personal herumhasten sieht. Das Publikum ließ sich von dem blendenden Theater bereitwillig verführen. Wenn der Applaus im Verhältnis zur Leistung nicht ganz so frenetisch ausfiel, dann vielleicht, weil das Stück im letzten Drittel ein wenig ins Schleppen kommt.

Dennoch: Es wäre ein Versäumnis, sich diesen Abend entgehen zu lassen.

Bis 20. Mai,

Karten unter

Telefon 089/32 19 55 33.

Beate Kayser

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