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Rollenwechsel in Hartz-IV-Romantik: Die jungen Volkstheater-Schauspieler (Katharina Haindl, Robin Sondermann, Jörg Kleemann, Justin Mühlenhardt, Barbara Romaner, v.li.) in „Der Besuch der alten Dame“.

Premierenkritik: „Der Besuch der alten Dame“

München - Frank Abt hat Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ am Volkstheater in München inszeniert. Fazit der Premierenkritik: Viel zu unentschlossen.

Das wünscht man niemandem. Denn wenn von einem Theaterabend der Eindruck eines ruhigen Bächleins bleibt, das mal hierhin, mal dorthin plätschert (aber auch ganz anders fließen könnte) und dieses Plätschern ganz selten von einem Kieselstein behindert wird, dann ist das ein Theaterabend, der die Zuschauer kaum an- oder gar aufregt. Ein beliebiger Abend also. Eben das ist Frank Abts Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, die am Donnerstag Premiere am Münchner Volkstheater hatte.

In den gut einhundert Minuten ist so vieles derart unmotiviert und austauschbar, dass die Frage nach dem „Warum?“ beinahe altmodisch wirkt. Anne Ehrlich hat Hartz-IV-Romantik auf die Bühne gebaut, mit verratzter Waschküche, meterlangen Wäscheleinen, an denen triefende Klamotten hängen, sowie Bahnhofsbierstuben-Tischlein. Zu Beginn lässt Abt vom Band Sinéad O’Connors Hit von 1990, die Cover-Version von Prince’ „Nothing Compares 2 U“ einspielen und seine jungen Schauspieler dazu singen.

Was das mit Dürrenmatts tragischer Komödie zu tun hat? Keine Ahnung, und gut möglich, dass Abt lediglich beim Aufräumen die CD in die Hände gefallen ist und das Lied ihm wertvolle Erinnerungen zurückbrachte. Seiner Dürrenmatt-Inszenierung jedenfalls bringt es rein gar nichts – wie so viele andere seiner Einfälle. Dabei hätte dieser Abend doch durchaus gut gelingen können. Schließlich hat Abt eine wunderbar verknappte, vom moralischen Impetus befreite, intelligent zusammengestrichene Fassung dieses Stücks erstellt, das zwar durch seine massive Verwendung als gymnasiale Schullektüre mausetot ist – heute aber zugleich aktueller denn je, erzählt es doch von der wahrhaft mörderischen Macht des Kapitals.

Respekt also für diese Strichfassung. Damit hätte sich arbeiten lassen. Ebenso wie mit seiner Idee, die Rollen geschlechtsunabhängig von Katharina Haindl, Jörg Kleemann, Justin Mühlenhardt, Barbara Romaner und Robin Sondermann spielen zu lassen. Allein die Schauspieler selbst schienen mit den raschen Rollenwechseln, Spiegelungen und Dopplungen gar sehr überfordert und retteten sich in wildes, hilfloses Chargieren. Das kommt – vor allem im völlig zerfaserten ersten Teil – nicht über Schultheaterniveau hinaus. Schade.

Später dann eine weitere gute Idee des Regisseurs: Er lässt die Bühne bis zu den Brandmauern aufreißen, im gleißenden Licht der Scheinwerfer findet sich Alfred Ill. Abt fokussiert hier das Geschehen, lässt die Rolle altersgemäß nun nur noch von Alexander Duda spielen, der das Schicksal des Kaufmanns individualisiert, der sterben soll, damit seine Heimat überleben kann. Das ist – um im eingangs erwähnten Bild zu bleiben – einer der wenigen Kieselsteine, Widerstände, der das Dahinplätschern des Abends unterbricht. Dankbar ist man dafür. Doch selbst Duda, dessen klares, empathisches Spiel sich so angenehm vom Tri-Tra-Trullala der Inszenierung unterscheidet, kann diesen Abend nicht mehr retten. Auch, weil seine Gegenspielerin, die Abt jetzt ebenfalls altersgemäß besetzt – er lässt Claire Zachanassian von Ilona Grandke spielen –, überhaupt nicht die aufgrund dieses Konzepts geweckten Erwartungen erfüllen kann.

Statt der irren, kranken, verletzten und größenwahnsinnigen Milliardärin und Ex-Nutte, die sich die Welt mit ihrem Geld zum „Bordell“ macht, tritt Grandke als gemütliches, älteres Mädchen auf – mit hängenden Schultern und in flachen Schuhen.

Selbst das eigentlich starke Schlussbild, der Abgang der alten Dame, die den Tod Ills forderte, bekam, bezahlte, und ihres einstigen Liebhabers durch eine Tür im Bühnenhintergrund, verschenkt der Regisseur und lässt seine jungen Schauspieler am Ende wieder singen. Diesmal Brian Ferry. Warum nur?

Von Michael Schleicher

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