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Was ist das Theater heute noch wert? In Frank Castorfs „Švejk“-Inszenierung ist ein Nachbau der Berliner Volksbühne zum Kasino verkommen, wo sich der Titelheld (Aurel Manthei, re.) und Oberleutnant Lukáš (Franz Pätzold) treffen.

Am Residenztheater

Premierenkritik: "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg"

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München - Frank Castorf inszenierte am Residenztheater Motive aus „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“. Hier lesen Sie unsere Premierenkritik.

Das Theater als „moralische Anstalt“? Vergesst es! Das Theater ist ein Offizierskasino, wo gesoffen, gezockt, gehurt wird – zur Musik eines Klaviers, das genauso auf den Hund gekommen ist, wie die Typen, die es spielen. Schiller mag einst über den Wert der Bühne zur Bildung und Besserung der Menschen philosophiert haben. Doch das war 1784 und in Mannheim. Ist also lange her und weit weg.

Zumindest für Frank Castorf: Er hat sich für seine Inszenierung nach Szenen aus Jaroslav Hašeks unvollendetem Roman „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ eine Nachbildung seiner Berliner Volksbühne ins Residenztheater bauen lassen. 1914 wurde das Gebäude am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnet, „Die Kunst dem Volke“ stand damals über dem Eingang. Beste Schiller-Tradition also – von der Castorf, seit 1992 Intendant des Hauses, nichts wissen will, wenn er das Theater zur Kneipe degradiert. Oder?

Castorf arbeitet mit seinen Münchner Lieblingsschauspielern

Am Freitag war Premiere seiner Inszenierung, die sich frei an Motiven des Schelmenromans bedient, der 1921 zunächst in Groschenheften publiziert wurde. Castorf hatte sein bekanntes Team für seine vierte Regiearbeit unter der Intendanz von Martin Kušej beisammen: Aleksandar Denić hat erneut einen verwinkelten Abenteuerspielplatz auf der Drehbühne errichtet, neben der Volksbühnen-Attrappe sind ein Eisenbahnwaggon und eine Gulaschkanone zentrale Bestandteile. Begleitet von einem Kamerateam kriechen, kraxeln, rennen, robben, fluchen und flüstern hier jene Schauspieler, mit denen Castorf in München gerne arbeitet: Aurel Manthei, Bibiana Beglau, Franz Pätzold und Katharina Pichler etwa. Sie wechseln ebenso rasch zwischen ihren Figuren- und Eigennamen, wie der Regisseur die Vorlage als Sprungbrett für Assoziationen zu Sigmund Freud, zum Kapitalismus und manchem mehr nutzt.

Natürlich steckt in der Inszenierung vieles, was einen Castorf-Abend aus-, aber nicht zwangsläufig gut macht. Da ist die Dauer, obwohl er dieses Mal knapp unter fünf Stunden bleibt. Dennoch gibt es Leerlauf, Durchhänger, Fades. Da sind die zahlreichen Zuschauer, die vor allem in der ersten Hälfte entnervt gehen oder nach der Pause nicht wiederkommen – was in diesem Fall tatsächlich ein Fehler ist. Da sind die pennälerhaften Albernheiten, das angestrengte Kokettieren mit der Monstrosität des Geschehens, die abgehangenen Scherze. Und da sind die penetranten Selbstbezüge des Regisseurs aufs eigene Schaffen – etwa wenn Pätzold erklärt, er liebe „wenn’s sein muss auch einen texttreuen ,Baal‘, der uns an diesem Haus leider entgangen ist“. Das gefiel dem Premierenpublikum, ist aber überflüssig.

Castorfs "Baal" reicht an diese Inszenierung nicht heran

Castorfs „Baal“-Inszenierung aus der vergangenen Spielzeit konnte nichts Besseres passieren, als dass die Brecht-Erben dagegen vor Gericht gezogen sind – qualitativ reichte jener Abend nicht an diesen „Švejk“ heran. Denn der Regisseur lässt die Komfortzone für Darsteller und Zuschauer hinter sich, bringt die Wirrnisse, durch die der „gute Soldat“ im Ersten Weltkrieg stolpert, ungefiltert auf die Bühne. So weit, so erwartbar. Zugleich bewahrt Castorf die Inszenierung jedoch davor, hochtourig ins Leere zu laufen. Zu lärmen, ohne zu erzählen. In konzentrierten Momenten gibt es immer wieder intensive Szenen – etwa die Folter der Simulanten, die dem Fronteinsatz zu entgehen suchen. Hier weist die Inszenierung über Hašeks Geschichte hinaus. Dies auch nach der Pause, als Valery Tscheplanowa und Aurel Manthei durch bewusste Entschleunigung wunderbar poetische Augenblicke glücken, in denen es um die Frage geht, wie viel Vertrauen ein Mensch seinem Gegenüber entgegenbringen kann. Es sind die besten Momente des Abends.

Kluge Musikauswahl mit Laibach und Trio

Nicht zuletzt die Auswahl der Lieder ist Castorf gelungen, illustrieren sie doch nicht nur das Bühnengeschehen, sondern erzählen eigene Geschichten. An zwei Nummern lässt sich das besonders gut zeigen: an „Geburt einer Nation“ der slowenischen Brachialmusiker Laibach sowie an „Da Da Da“, Trios Überhit der Neuen Deutschen Welle. So verschieden beide Stücke, so identisch ihre Intention: Laibach entlarven durch Überwältigung die (intellektuelle) Leere des nationalen Chauvinismus. Trio führten 1982 durch musikalischen Minimalismus die Hohlheit der Liebesliedseligkeit vor. Nichts anderes macht Castorf, indem er Švejks Eskapaden nutzt, um die Verlogenheit des menschlichen Strebens (wonach auch immer: Glück, Lebensraum, Profit) offenzulegen. Man mag darüber lächeln, dass manche Schlussfolgerung banal ist – wobei die Cola- und Pepsi-Laster, die in den Videos aus den Werkstoren rollen, tatsächlich an Armeen beim Verlassen der Kaserne erinnern. Man muss aber auch anerkennen, dass sich Castorf eben doch in Schillers Tradition stellt. Angstfrei, obgleich resigniert ob der Wirkmacht der Bühne: „Es ist gewöhnliches Theater“, heißt es am Ende. „Ein paar Bretter und ein Papiermond. Und dahinter die Fleischbank. Die allein ist leibhaftig.“

Herzlicher Applaus.

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