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Unter dem Blick eines Hundes versuchen (v. li.) Beatrice (Marie Jung), Bertha (Sylvana Krappatsch), Richard (Stephan Bissmeier) sowie Robert (Kristof Van Boven) ihre Beziehungen auf die Reihe zu bekommen. Dine Doneff kommentiert die Ménage à quatre musikalisch auf seinem Kontrabass.

Premierenkritik

"Die Machtspieler" an den Kammerspielen

München - "Die Machtspieler": Luk Perceval inszenierte an den Münchner Kammerspielen "Exiles", das einzige Stück von James Joyce.

So ein Hundeleben kann ja ganz komfortabel sein. Fressen, verdauen, schlafen – und Paarungszeit ist, wenn die Natur es sagt. Um alles andere kümmert sich das Herrchen, dem der Vierbeiner treu ergeben ist. Das kann er auch, denn die klare Struktur gibt jene Sicherheit, die das Hundedasein einfach macht.

Wer wundert sich da über den Blick, den der überlebensgroße Weimaraner, dessen Bild in der Bühnenmitte aufragt, auf das Treiben vor seiner Schnauze wirft? Es scheint, als schaue das Tier mit sanftem Mitleid und verwunderter Verständnislosigkeit auf jene vier Menschen, die sich da mühen, ihr Leben, Lieben und ihre Freundschaft auf die Reihe zu bekommen. All das mit zweifelhaftem Erfolg. Ausstatterin Katrin Brack gibt mit dem Tierporträt der Aufführung von „Exiles“ an den Münchner Kammerspielen ein so stilles wie starkes Zentrum. Es kommentiert und spiegelt Luk Percevals Inszenierung des einzigen Dramas von James Joyce (1882–1941). Im Übrigen lässt sich das Verhältnis des irischen Schriftstellers zu Hunden am treffendsten mit dem Begriff „Phobie“ beschreiben.

Für seinen 90 Minuten langen, pausenlosen Abend, der am Freitag im Schauspielhaus Premiere feierte, hat Perceval zusammen mit seinem Dramaturgen Jeroen Versteele und seinen fünf Schauspielern eine extrem verschlankte Fassung des 1919 am selben Ort uraufgeführten Stücks erarbeitet. Sie haben die drei Akte abgefieselt, haben die Figuren weitgehend aus den von Joyce vorgegebenen Biografien gelöst, um so Allgemeines über zwischenmenschliche (Macht-)Spiele erzählen zu können. Diese Vorlage ist ein bis zur Grenze der Brutalität gegenüber dem Text verdichtetes Kondensat, das hohe Aufmerksamkeit von Darstellern und Publikum fordert. Das vermochte Letzteres bei der Premiere nicht immer einzulösen.

Luk Perceval entwickelt hier keine Charaktere oder deren Geschichte, sondern stellt Motive sowie Aggregatszustände des menschlichen Gefühlshaushalts aus. Und wie Joyce in all seinen Texten Gewissheiten misstraut und diese daher verweigert, seinen Lesern lediglich Indizien an die Hand gibt, so scheut auch diese Inszenierung alles allzu Eindeutige.

Es ist ein Schwebezustand, ein schwelender Kriegs- oder Liebesbrand, in dem sich Richard, dessen Frau Bertha, der gemeinsame Freund (und Berthas Geliebter?) Robert sowie dessen Cousine Beatrice (von beiden Männern gleichermaßen begehrt) begegnen. Stephan Bissmeier, Sylvana Krappatsch, Kristof Van Boven und Marie Jung agieren mit großer Exaktheit, mit gutem Gespür für Pausen. Natürlich dehnen diese den Abend, lassen ihn manchmal zäh werden und bremsen die Inszenierung bis an die Schmerzgrenze aus, die an einigen Stellen auch überschritten wird. Doch gelingt es Perceval dadurch eindrucksvoll, die Aufmerksamkeit auf Unausgesprochenes zu lenken. „Willst Du denn nicht wissen – was gestern Nacht geschehen ist?“, fragt Bertha ihren Mann am Ende. „Das werde ich niemals wissen!“, antwortet Richard.

Dieses Misstrauen gegenüber Sprache zieht sich durch die Produktion: Da werden zentrale Sätze von den Schauspielern x-mal wiederholt, werden anders betont, werden geflüstert, gebrüllt, gespuckt, gefaucht, gegeifert. Nichts anderes macht Dine Doneff an seinem Kontrabass. Der (Jazz-)Musiker und Komponist, der eigentlich Kostas Theodorou heißt und mazedonische Wurzeln hat, erzählt die Geschichte auf seinem Instrument, kommentiert und verstärkt das Bühnengeschehen. Denn was bleibt, wenn Worte nicht mehr auszureichen scheinen? Doneff improvisiert dann hinreißend über das zwischenmenschliche Ringen, während sich die Figuren in Aktionismus retten. Bertha etwa bekommt einen hysterischen Anfall und Robert zappelt-hampelt-strampelt einen Balztanz. Übersprungshandlungen sind das. Wie bei Hunden in ungeklärten Situationen. Herzlicher Applaus.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 25. Dezember sowie am 1., 5., 23. und 30. Januar;

Telefon 089/ 233 966 00.

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