+
Ulrich Matthes

Premierenkritik: „Die vier Jahreszeiten“

Salzburg - Gutes Theater kann so einfach sein. Doch gerade das Einfache ist unglaublich schwer.

Die Handlung

Es ist der wichtigste Tag im Leben der beiden Männer, ohne dass beide voneinander wissen: Der aus dem Norden verunglückt mit seinem Lkw, lässt die Ladung liegen, um ein neues Leben zu beginnen – und gerät auf die schiefe Bahn. Der aus dem Süden findet die Ladung, 400 Kartons mit Modellierluftballons, und beginnt ein neues Leben als Kleinkünstler. Beide verlieben sich in eine junge Kellnerin, die mit ihren Locken an Medusa erinnert und aus dem Westen kommt. Nur Madame Oiseau, Wahrsagerin aus dem Osten, weiß, dass sie einander zum Schicksal werden.

Glückt es jedoch, entsteht vor den gebannten Augen des Publikums ein Abend, der bedenkenswert und unterhaltsam, der schlicht und gerade deshalb schön ist. Es entwickelt sich ein relevanter Abend, weil auf der Bühne Dinge verhandelt werden, die jeden angehen, ja, die das Menschsein ausmachen. Ein solcher Abend ist die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs „Die vier Himmelsrichtungen“ im Salzburger Landestheater. Der Autor selbst hat die Inszenierung eingerichtet, die in Zusammenarbeit der Festspiele mit dem Deutschen Theater Berlin entstand, wo sie am 28. Oktober herauskommt. Dass Schimmelpfennig und seine vier großartigen Schauspieler nach den gut 100 Minuten bejubelt wurden hat mehrere Gründe.

Da ist zum einen das neue Stück, das berührt, dessen sprachliche und stilistische Umsetzung von der großen Könnerschaft seines Autors zeugt. Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, lässt aus allen Himmelsrichtungen zufällig vier Menschen aufeinandertreffen, die einander zum Schicksal werden. Die junge Frau erinnert mit ihrer Lockenpracht an Medusa aus der griechischen Mythologie, deren Haare Schlangen sind. In sie verliebt sich ein Mann, der zufällig einen verunglückten Lkw findet und mit dessen Ladung, Modellierballons, ein neues Leben beginnen konnte. Er identifiziert sich mit Perseus: „Du bist Medusa, sagt er / und ich bin Perseus, / sieh mal hier, die Sterne, / sieh mal, die Locken, wie Schlangen – / Perseus hat immer etwas mit Schlangen zu tun, / weil Perseus Medusa den Kopf abgeschlagen hat, / und Medusa hatte Haare aus Schlangen. Locken / aus Schlangen.“ Am Ende wird dieser Mann tot sein, während sein Mörder, der sich in dieselbe Frau verliebte, „versteinert“ neben ihm steht. „Versteinert“ wie, glaubt man den Psychoanalytikern um Freud, Männer aus (Kastrations-)Angst vor der Weiblichkeit erstarren, die Medusa symbolisiert.

Die Besetzung

Regie: Roland Schimmelpfennig.

Bühne und Kostüme: Johannes Schütz.

Darsteller: Ulrich Matthes (Ein Mann), Kathleen Morgeneyer (Eine junge Frau), Andreas Döhler (Ein kräftiger Mann), Almut Zilcher (Eine Frau).

Vor diesem psychologisch-mythologischen Hintergrund erzählt Schimmelpfennig, wie seine Figuren, ahnend, dass Schreckliches geschehen wird, sich ans Leben klammern. Den Autor interessiert, wie die Menschen umgehen mit ihrem Wissen um die Endlichkeit des Daseins. Eine Frage, die uns alle beschäftigt, und der Grund auch, warum dieser Abend derart berührt.

Faszinierend ist zudem, wie Schimmelpfennig stilistisch arbeitet: Die Wechselrede, charakteristisch für klassische Dramen, spart er sich für emotional besonders bedeutsame Augenblicke auf. So werden die wenigen Dialoge zu Kraftzentren des Stücks. Die Figuren erzählen meist in der indirekten Rede oder in Monologen, sprechen manches im Chor. Das hebt den Abend auf eine abstrakte Ebene, die seine Allgemeingültigkeit betont. Eine schier unglaubliche Dynamik erreicht Schimmelpfennig durch (Schnitt-)Techniken, die wir aus dem Kino kennen: Vor- und Rückblenden, Wiederholungen und Perspektivwechsel ziehen den Kreis um den „point of no return“, jenen Moment, von dem an die Eskalation einzige Möglichkeit bleibt, immer enger. Ein großartig komponierter Text!

Auf der Bühne findet dieser seine adäquate Umsetzung: Johannes Schütz hat einen Raum aus Nebel und Zwielicht geschaffen, an dessen Himmel einzig das Sternbild des Perseus ab und an für Helligkeit sorgt. Sand auf dem Boden – es könnte die Senke sein, in der die Ladung vom Lkw rutschte. Es könnte aber auch jene symbolische Manege sein, in der die verlorenen Gestalten dieses „Zirkus des Todes“ (Schimmelpfennig) ihre Auftritte haben. Ein Podest in der Bühnenmitte, ein von links nach rechts gespanntes Stahlseil für einen imaginären Vorhang erinnert ebenfalls daran. Hier entwickeln Ulrich Matthes, Kathleen Morgeneyer, Andreas Döhler und Almut Zilcher mit wenigen Requisiten, aber großem, exaktem Sprachgefühl die Geschichte.

Roland Schimmelpfennig inszeniert genau und zurückgenommen, scheut aber dennoch nicht den Griff in die uralte Trickkiste des Theater- und Budenzaubers. So gelingt es ihm, dem ausweglosen (?) Treiben auf der Bühne Momente der Komik im Angesichts des Todes zu entreißen. So gelingt ihm ein Theaterabend – so traurig und lustig, so banal und bedeutsam wie das Leben selbst.

Von Michael Schleicher

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München
München - Bisher versteckte sich der Kopf hinter einer der gerade erfolgreichsten deutschen Facebookseiten. Jetzt tritt er erstmals öffentlich auf. Was ist das für 1 …
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München
Stadt macht Dieter Hildebrandts Witwe eine Freude
München - Nachdem es bei der letzten Verleihung des Dieter-Hildebrandt-Kabarettpreises einige Verstimmungen gab, hat die Stadt nun reagiert. Und macht der Witwe des …
Stadt macht Dieter Hildebrandts Witwe eine Freude

Kommentare