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Szene aus „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ im Marstall des Residenztheaters mit (v. li.) Simon Werdelis, Ismail Deniz, Bijan Zamani.

Nuran David Calis' Inszenierung - in der Tradition von Franz Werfel

Premierenkritik: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“

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München - Am Anfang ist das Schweigen – und das Schweigen dröhnt mächtig im Marstall des Münchner Residenztheaters.

Bereits in diesen ersten Augenblicken, als die sechs Schauspieler stumm ins Publikum blicken, wird vieles erzählt von Nuran David Calis‘ Inszenierung „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Denn in der Stille hört man die Trauer; den Respekt für und die Verneigung vor den Opfern; man erahnt die Fassungslosigkeit der Nachgeborenen angesichts der Verbrechen, die das Osmanische Reich 1915/16 den Armeniern angetan hat, und spürt die Schwierigkeit, ja den Schmerz, über jene Taten zu sprechen, zu benennen, was sie waren: ein Genozid, den die Türkei bis heute leugnet und der auch von Deutschland offiziell bislang nicht anerkannt wurde – gleichwohl Joachim Gauck als erster Bundespräsident im vergangenen Jahr von „Völkermord“ sprach.

Aus diesem Schweigen heraus entwickeln der Regisseur und sein deutsch-türkisch-armenisches Ensemble einen zweistündigen Abend, dem etwas gelingt, was in dieser Form wohl nur auf der Theaterbühne möglich ist: eine unmittelbare emotionale und intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Stück greift finsteres Kapitel der türkisch-armenischen Geschichte auf  

Damit steht Nuran David Calis in der Tradition von Franz Werfel. Der österreichische Schriftsteller (1890-1945) setzt sich in seinem 1933 erschienenen (und umgehend von den Nazis verbotenen) Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ literarisch mit diesem finsteren Kapitel der türkisch-armenischen Geschichte auseinander. Im Mittelpunkt seines Textes stehen einige Tausend armenische Dorfbewohner, die den Berg Musa Dagh im südtürkischen Nurgebirge als Zufluchtsort wählen, um der Vertreibung in den Tod zu entgehen. Das Buch bezieht seine Wucht, die bis heute wirkt, aus der Kombination von historischen Tatsachen und deren künstlerischen Bearbeitung. Werfels Werk ist eine beeindruckende Mischung aus Fakten und Fiktion.

Klugerweise nimmt Calis diesen Roman lediglich als Horizont für seine Arbeit und lässt nur zwei längere Passagen tatsächlich spielen. Stattdessen öffnet er seine Inszenierung für Geschichten, Gedanken, Gefühle seiner Protagonisten. Im Zentrum steht zunächst Ismail Deniz, Schauspieler mit türkischen Wurzeln, der jene zwei (!) Seiten aus einem Geschichtsbuch vorliest, durch die türkische Gymnasiasten über die Geschehnisse von 1915/16 informiert werden. „Das ist unsere Wahrheit“, sagt Deniz und berichtet von seiner Großmutter, die von armenischen Banden erzählte, die in türkischen Dörfern marodierten. Dann spricht Daron Yates, der armenische Vorfahren hat, über seine Hassliebe zur Türkei („Heimat und Hölle“) und über das Schicksal seiner Familie. Schließlich fragt er Deniz: „Was ist passiert zwischen Euch und uns?“

Antworten darauf suchen die Schauspieler in den folgenden beiden intensiven Stunden. Archäologen gleich schürfen sie in alten Dokumenten, bringen Fakten ans Licht, die vor allem auch die blamable Rolle Deutschlands beleuchten, das von der Vernichtung des armenischen Volkes wusste – jedoch schwieg, um den osmanischen Bündnispartner nicht zu verstimmen. Dabei reflektieren die Darsteller immer wieder ihre eigenen Eindrücke zu „Identität, Trauma und Tabu“, wie der Regisseur seinen Abend im Untertitel nennt.

Eine theatrale Erinnerungsarbeit

Diese theatrale Erinnerungsarbeit wirkt wie die Vorgänge in dem Fotolabor, das Irina Schicketanz rechts hinten auf die Bühne gebaut hat. Hier entwickeln die Schauspieler Fotos aus der Zeit von 1915/16: Aufnahmen von armenischen Familien, grausige Bilder von Leichen, von abgeschlagenen und auf Spießen ausgestellten Köpfen, von den politischen und militärischen Protagonisten jener Jahre. Und so wie die Bilder auf den Abzügen in den chemischen Lösungen, in die sie getaucht werden, nach und nach sichtbar werden, so schärft das Material, das die Darsteller präsentieren, die Konturen des Geschehens. Die Fülle der Informationen mag manchmal überfordern, doch gerade in der Überforderung entsteht eine Ahnung dessen, was gewesen ist.

Am Ende des Abends sind jedoch alle Fotografien, die im Bühnenraum aufgehängt wurden, ersetzt durch Zettel mit Fragen. Fragen nach den Emotionen des Einzelnen, aber auch Fragen wie „Helfen Gebete?“ und danach, ob es sinnvoll ist, Wunden zu öffnen. Die wichtigste Frage jedoch symbolisiert der Rundhorizont mit seiner Collage aus historischen und aktuellen Aufnahmen aus Armenien, der die ganze Zeit über Bühne und Zuschauerraum gleichermaßen schwebt. Wird es je möglich sein, den Kreislauf aus Vorwürfen und Verweigerungen zu durchbrechen?

Langer, nachdenklicher Applaus, zu dem sich zahlreiche Zuschauer erhoben.

Nächste Vorstellungen am 18. und 31. Mai; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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