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Wie ein verkleidetes Kind: König Kandaules (Werner Wölbern, sitzend) kann mit den Insignien der Macht nichts anfangen. Am Ende von Hebbels Stück ist er tot, und Gyges (Stefan Konarske) trägt die Krone.

Premierenkritik: Das Ende macht Eindruck

München - Am Münchner Residenztheater bleibt lange unklar, warum Nora Schlocker Hebbels „Gyges und sein Ring“ inszenierte. Erst das Ende macht diesen Abend diskussionswürdig. Eine Kritik:

Erst das Ende macht diesen Abend diskussionswürdig. Und es scheint, als habe Nora Schlocker einzig darauf hingearbeitet. Bis kurz vor Schluss ist die Inszenierung der 1983 in Österreich geborenen Regisseurin eine zwar ordentliche, aber nicht zwingende Arbeit. Es wurde jedenfalls am Mittwoch bei der Premiere im Residenztheater nicht unbedingt klar, weshalb sich die 28-Jährige entschieden hat, ausgerechnet mit Friedrich Hebbels so selten gespielter Tragödie „Gyges und sein Ring“ (1853/54), die erst 26 Jahre nach dem Tod des Autors 1889 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, ihr Regie-Debüt in München zu geben.

Gewiss, der Abend ermöglicht die (Wieder-)Begegnung mit einem unbekannten Stück. Und er hat dieses Ende: Da fordert die in ihrer Würde verletzte Königin Rhodope einen Zweikampf zwischen ihrem Mann Kandaules und dessen Freund Gyges. Jener hatte diesen angestiftet, mittels des unsichtbar machenden Rings die Schöne, die sich nur dem Vater und dem Gatten unverschleiert zeigt, heimlich im Schlaf zu betrachten: „Ich brauche einen Zeugen, dass ich glücklich bin“, begründete der König seinen Wunsch. Natürlich kommt Rhodope hinter den Frevel. Sie sieht die einzige Möglichkeit, ihre Ehre wiederherzustellen, in einem Duell, von dem sie hofft, ihr Gatte möge fallen, sodass sie sich mit Gyges vermählen kann. Nur dann wäre das strenge Regelwerk ihrer Tradition wieder ins Lot gebracht: „Denn keiner sah mich mehr, als dem es ziemte“, heißt es in einer von Schlocker allerdings gestrichenen Textstelle.

Während bei Hebbel die Männer tatsächlich kämpfen, lässt die Regisseurin Gyges den König erstechen, gerade als dieser sich erheben will. Dieser junge Grieche – hier wird er zum Attentäter. Zu einem Anführer, der die nach der Hochzeit sich selbst tötende Rhodope nur kurz beweint, ehe er kämpferisch nach den Insignien der Macht greift und in heroischer Pose erstarrt. Auf dem Kopf trägt er da jene Krone, und in den Armen hält er jenes Schwert, mit denen Kandaules zu Beginn noch das Kasperltheater der Macht gespielt hat, um zu zeigen, wie wenig ihm, dem Reformer, die alten Sitten bedeuten.

Nora Schlockers Sympathien gehören diesem Herrscher, der Überholtes loswerden will – als Machthaber und als Mann, der die verborgene Schönheit seiner Frau der Welt zeigen will. Im Sterben wird Kandaules erkennen, dass die Zeit nicht reif für seine Ideen war: „Rühre niemals an dem Schlaf der Welt.“

In diesen letzten Augenblicken fügt die Regisseurin ihrer gut zwei Stunden langen Inszenierung endlich eine weitere Ebene hinzu. Dieses Ende ist bedenkenswert – und man hätte sich gewünscht, Schlocker hätte zum Rest der Tragödie ebenfalls eine Haltung entwickelt.

Denn über weite Strecken findet die Regisseurin zwar klare, konzentrierte Bilder – doch bleibt sie damit an der Oberfläche des Stücks. Hebbel aber erzählt nicht nur eine Dreiecksgeschichte (kaum sieht Gyges Rhodope, verfällt er ihr). Er verhandelt auch die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne, zwischen (scheinbar überholten) Sitten und (angeblich besseren) Reform-Ideen. Schlocker weigert sich, zu all dem wirklich Stellung zu beziehen. So hat sie etwa Rhodopes letzte Sätze gestrichen. Diese Frau sieht selbst nach der Hochzeit mit Gyges die einzige Möglichkeit, ihre Würde wiederzuerlangen, im Selbstmord. Allein das macht die Figur spannend. Zuvor überraschte bereits ihre Forderung nach einem Duell, denn Britta Hammelstein wirkt erstaunlich gefasst, als sie vom Frevel ihres Mannes erfährt.

Diesen zeigt Werner Wölbern zerrissen zwischen Zweifeln und Ideen: Als Mensch will sein Kandaules vom Volk wahrgenommen werden, deshalb macht er sich über Schwert und Krone seiner Vorfahren lustig. Den Weltenlauf will er verändern und schlägt daher wild auf die hohen, dicken Mauern ein, die Jessica Rockstroh als Zylinder auf die Drehbühne gebaut hat und in deren Innern sich Rhodope vor eben jenem Wandel schützen will, den ihr Gatte befeuert. Auch Gyges’ Entwicklung zum Attentäter ist hier schwer nachvollziehbar, denn Stefan Konarske zeigt den Griechen zunächst als tänzelnden, affektiert sprechenden Günstling des Königs, den Caroline Rössle Harper zudem in ein rosa Glitzer-Leibchen gesteckt hat.

So bleibt von dieser Inszenierung das Ende in Erinnerung – und das Bedauern, dass Nora Schlocker erst so spät zeigt, was ihr „Gyges und sein Ring“ bedeutet.

Freundlicher Applaus.

Von Michael Schleicher

Die Handlung

In mythischer Zeit tritt Kandaules, König der Lydier, für neue Ideen und das Hinterfragen von Traditionen ein – zum Unverständnis seines Volks. Seine Gattin Rhodope, die aus einem fernen Land stammt, hält daran fest, dass ihr Vater und ihr Gemahl als einzige Männer sie unverschleiert sehen dürfen.

Gyges, ein Grieche, schenkt Kandaules einen Ring, der unsichtbar macht. Der König bittet den Freund, sich damit ins Schlafzimmer der Gattin zu schleichen, um ihm ihre Schönheit zu bestätigen. Als Rhodope das entdeckt, fordert sie einen Zweikampf und hofft, dass Kandaules stirbt, damit sie sich mit Gyges vermählen kann. Nach der Hochzeit tötet sie sich.

Nächste Vorstellungen

am 26. und 27. Dezember

sowie 5. und 6. Januar;

Telefon 089/ 2185 1940.

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