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Grete im Silberwald: Sally du Randt gelingt eine eindrückliche Charakterstudie.

Premierenkritik: Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“

Augsburg - Erfolg mit Anlaufschwierigkeiten: Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“ am Theater Augsburg. Die Premierenkritik.

Die Besetzung

Dirigent: Dirk Kaftan.

Regie: Renate Ackermann.

Ausstattung: Timo Dentler, Okarina Peter.

Chöre: Karl Andreas Mehling.

Darsteller: Eckehard Gerboth (Der alte Graumann), Wilhelmine Busch (seine Frau), Sally du Randt (Grete), Mathias Schultz (Fritz), Markus Hauser (Wirt), Jan Friedrich Eggers (Schmierenschauspieler, Baron, Rudolf), Stephen Owen (Winkeladvokat), Kerstin Descher (Ein altes Weib), Seung-Gi Jung (Graf), Seung-Hyun Kim (Chevalier) u.a.

Wenn der Liebste wenigstens in ihren Armen verendet wäre. Als finale, wiewohl unerfüllte Vereinigung eines sich lebenslang verfehlenden Paares. „Nun ich dich gefunden“, singt er – und die Regie zeigt brutal, dass mitnichten die Frau, sondern die Arbeit gemeint ist: jener „ferne Klang“, der Fritz nun im Komponistenhirn aufglimmt. Im Zimmerchen sitzt er, Noten sichtend, durch eine unsichtbare Wand getrennt von Grete, die einsam davonschreitet. Ein letztes peinigendes Bild, ein letztes wildes Aufbäumen der Musik – und das Theater Augsburg hat die Hürde spät, aber doch noch übersprungen. Zum bejubelten Premierenerfolg, zu einer Anstrengung, die der Schreker-Renaissance einen dicken Mosaikstein hinzufügt.

Dabei darf sich der Opernfan Anno 2010 noch immer wundern. Denn an jene Aufführungszahlen, die Franz Schrekers Opern vor hundert Jahren schafften, reichen heute nur Mozart & Co. heran. Doch für eine Epoche, die sich selbstbespiegelnd auf die Couch legte, war „Der ferne Klang“ das perfekte Stück. Von Rausch und Erotik raunt es, vom Suchen und Finden der Triebe, vom Sich-Stemmen gegen das Sich-Verlieren. Es ist ein Werk des „Als ob“, prallvoll mit Symbolhaftem, ein Künstlerdrama, das auch noch autobiografisch sehr vernehmlich „Ich!“ ruft und das sich aus allen diesen Gründen regietechnisch dem 1:1 sperrt.

Gerade deshalb musste man anfangs um diese Augsburger Premiere fürchten. Um eine Inszenierung, die zunächst ohne doppelten Boden arbeitete. In der die Traumatisierungen Gretes mittels erzwungenem Oralsex und beglotzt von Maßkrugträgern allzu direkt gezeigt wurden und daher verpufften. Doch das Haus hatte ja einen GAU zu verkraften: Kurz nach Probenbeginn sagte Regisseur Nicholas Broadhurst aus Krankheitsgründen ab, Renate Ackermann sprang ein – und übernahm das fertige Bühnenkonzept von Timo Dentler und Okarina Peter.

karina Peter. Ein Kompromiss also, der dem Abend vor der Pause anzusehen war. Nicht nur die Angst vor geilen Männern treibt hier Grete aus dem engen Zimmer, das wie ein Bilderrahmen auf der Szene steht, sondern auch die Einflüsterungen einer Art Mephista (luxuriös besetzt: Kerstin Descher). Kindfrau Gretchen mit Bambi im gefährlich schön schimmernden Silberfolienwald funktioniert denn auch als Bild, weniger der Venedig-Akt. Den verpflanzte man in die Zwanzigerjahre eines mutmaßlich Berliner Etablissements, wo mit Po-wackelnden Damen in Ozelot-Mänteln, einem Transen-Tenor und viel Glamour-Ersatz Verruchtheit behauptet wurde. Vieles war nur arrangiert, der Chor dabei zur Hintergrund-Kulisse verdammt.

Was immerhin die Bahn freimachte für Sally du Randt. Eine Sängerin wie geschaffen für Schrekers Grete, die ja vokal und vom Typ her zwischen allen Stühlen sitzt. Sally du Randts Heldin ist von einer eigentümlich fragilen Weltferne. Ihr herber, lyrisch grundierter Sopran kann sich dramatisch weiten, zeigt auch schon leichte Unebenheiten, was aber die Interpretation nur glaubhafter macht: eine eindrückliche Charakterstudie. Mathias Schulz muss sich, aber das hat Schreker so einkomponiert, nach seiner Partie schon mehr strecken. Den Fritz gestaltet er mit kraftvollem, manchmal gequetschtem Tenor als angemessenen Unsympath, der nicht verstehen will, was sich ihm hautnah aufdrängt. Auch das übrige Ensemble, allen voran der wandlungsfähige Jan Friedrich Eggers in einer Dreifachpartie, bewegt sich souverän in der ungewohnten Partitur.

Die Handlung

Komponist Fritz verlässt seine Geliebte Grete, um nach dem „fernen Klang“ zu suchen. Gretes Vater verspielt seine Tochter an den Wirt des Gasthauses, sie flieht. Jahre später ist sie Kurtisane in Venedig. Grete organisiert einen Wettbewerb: Wer das schönste Lied vorträgt, darf eine Nacht mit ihr verbringen. Fritz kommt unverhofft, singt und siegt. Als er erkennt, was aus seiner Grete geworden ist, wendet er sich angewidert ab. Bei einer Opernpremiere fällt Fritz‘ Werk „Die Harfe“ durch. Grete, inzwischen eine Straßendirne, ist im Publikum. Fritz erkennt, was er eigentlich an Grete hat – und stirbt erschöpft in ihren Armen.

Dass die Aufführung manch Fragezeichen hinterlässt, ist im dritten Akt vergessen. Eine so grandiose wie (endlich) surreale Szenerie bestaunt man da. Während Fritz auf der Couch und zwischen schmucklosen Stellwänden seinem weinerlichen Narzissmus nachhängt, schneit es Silberflitter, und ein riesiger Spiegel über dem Portal lässt den Urheber des fernen und nun so nahen Klangs sichtbar werden – das Philharmonische Orchester im Graben. Augsburgs neuer Generalmusikdirektor setzt dort seine Siegesserie fort. Und auch wenn die Partitur dazu verführt: Nichts wird bei Dirk Kaftan vernebelt. Mit dem anfangs fremdelnden, dann immer sicherer spielenden Ensemble setzt er auf klare Linien und Schichtungen. Eine kraftvoll zugespitzte Deutung die in eruptiven Momenten überwältigt (dann schon mal die Sänger überfährt), die sich aber nicht an der Musik berauscht, sondern sie temperament- und lustvoll filettiert. Schrekers Zutaten werden überdeutlich erfahrbar. Im Grunde also beste Voraussetzungen für Klangsucher Fritz – er hätte eher und genauer auf diese fulminante Interpretation hören sollen.

Markus Thiel

Nächste Aufführungen: 25.2. sowie 3., 14. und 28.3.; Telefon 0821/ 324 49 00.

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