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Und plötzlich hebt er völlig ab: Walter Kranz (Wolfgang Pregler) schreibt wie Stefan George – seine Geliebte Lisa (Brigitte Hobmeier, re.) und deren Mutter (Annette Paulmann) lauschen mehr oder minder ergeben.

Premierenkritik: Glücksfall Todestag

München - Stefan Pucher inszeniert an den Münchner Kammerspielen Rainer Werner Fassbinders Kultur-Farce „Satansbraten“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Es scheint, als könne Theaterfreunden momentan nichts Besseres widerfahren als der Todestag Rainer Werner Fassbinders, der sich am 10. Juni zum 30. Mal jährt. RWF steht (wieder) auf den Spielplänen, sowohl Bayerisches Staatsschauspiel als auch Münchner Kammerspiele würdigen den Autor, Film- und Theatermacher, in dem sie seine Texte aktuell befragen. Während Anfang des Monats bereits Münchens Neu-Theaterchef Martin Ku(s)ej mit seiner Inszenierung von „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ das Fassbinder-Festival seines Hauses einläutete, hatte nun „Satansbraten“ unter der Regie von Stefan Pucher im Schauspielhaus der Kammerspiele Premiere. Theaterglück auf beiden Seiten der Maximilianstraße.

Ku(s)ej interpretierte im Marstall Fassbinders Stück brutaler und gnadenloser als der Autor selbst in seiner eigenen Verfilmung von 1972. Pucher hat mit „Satansbraten“ den vielleicht persönlichsten, in jedem Fall aber einen der überdrehtesten RWF-Stoffe gewählt. In seinem Film aus dem Jahr 1976 (mit Kurt Raab in der Hauptrolle) erzählt Fassbinder von dem einst gefeierten Autor Walter Kranz, der nach Jahren der Schreibblockade Stefan Georges Gedicht „Der Albatros“ zu Papier bringt – und sich fortan für die Reinkarnation des Dichters hält.

Fassbinder drehte eine bitterböse und überspannte Farce über den Kulturbetrieb und dessen Opportunismus, über Geniekult und Bildungsbürgertum. Zugleich lässt sich „Satansbraten“ – wie viele andere seiner Produktionen auch – als Analyse der Liebes-, Macht- und Abhängigkeitsstrukturen im RWF-Clan verstehen.

Für seinen zwei Stunden langen, temporeichen und pointensicheren Theaterabend wählte Pucher einen Ansatz, an dem nicht nur RWF Freude gehabt haben dürfte: Denn wie dessen Hauptfigur Stefan Georges „Der Albatros“ kopierte (George selbst hat für dieses Gedicht übrigens einen Text von Charles Baudelaire umgedichtet), übertrug Regisseur Pucher nun Fassbinders Film so werktreu wie möglich auf die Theaterbühne. Stéphane Laimés Bühne feiert lustvoll die Siebzigerjahre-Ausstattung, und Tina Kloempken entwarf Kostüme, die nahezu identisch sind mit jenen der Filmproduktion. Mit Hilfe von schieb- und ziehbaren Kulissenteilen, dem Einsatz einer Live-Kamera, Parallelität oder Überblendung von Videosequenzen und Bühnengeschehen gelingt es Pucher zudem, den Duktus des Films zu kopieren. Diese Idee hätte eine leblose Kopfgeburt werden können. Dank der Bühnentechniker und der Spiellust des Ensembles, das stets am Rande des Wahnsinns zu agieren scheint, trägt sie diesen Abend jedoch. Die sechs Schauspieler haben sich in dieser Bühnenkopie einer Filmfarce über einen Dichter, der einen anderen kopierte, ihre Leinwand-Vorbilder ebenfalls ganz genau angeschaut, Gesten sowie Sprechweise übernommen und interpretiert.

Wolfgang Pregler spielt den schreibgehemmten Dichter-Star als Kotzbrocken, berauscht vom eigenen Ich, um (Selbst-)Zweifel gar nicht erst zuzulassen. Preglers fünf Kollegen übernehmen allesamt mehrere Rollen, die sie mit wenigen Ausnahmen facettenreich gestalten. Es beeindruckt vor allem Brigitte Hobmeier, der es scheinbar mühelos gelingt, die mondän-gelangweilte Kranz-Geliebte von der unbedarften Kranz-Verehrerin vom Lande zu unterscheiden.

Pucher lässt seine Farce in einem hohen Tempo über die Bühne rauschen. Das funktioniert oft sehr gut. Dennoch gibt es hie und da Längen, manch schwächere Szene – etwa als Kranz seinen verarmten Eltern das letzte Ersparte abknöpft – oder zu viel Ausstattungsorgie und Kostümball. Doch diese Momente sind selten und werden von der Spielwucht weggespült.

Zum Ende lässt der Regisseur zwischen allem Schrillen durchaus ernsthaft über Machtverhältnisse verhandeln. Da auch diese Wendung funktioniert, gibt sie dem Abend zusätzlich Relevanz.

Tosender Applaus nach der Premiere. Theaterfreunden scheint momentan nichts Besseres widerfahren zu können als Fassbinders 30. Todestag.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 24., 28. März und 9. April; Telefon 089/ 233 966 00.

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