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Ob diese Liebe von Dauer ist? Giacinta (Nora Buzalka) und Leonardo (Markus Hering) kommen sich näher, beäugt von Ferdinando (Sebastian Blomberg).

Premieren-Kritik

Dörrfleisch-Dandys drehen durch

München - Herbert Fritsch inszenierte am Münchner Residenztheater die „Trilogie der Sommerfrische“ nach Carlo Goldoni als wilde Farce.

Sollten Sie für den Sommer Ihren Urlaub in Italien gebucht haben, ist ein Begriff nun besonders wichtig für Sie: Reiserücktrittsversicherung. Denn Italien – irgendwie haben wir das ja schon immer geahnt – liegt in München, genauer: am Max-Joseph-Platz, im Residenztheater. Dort hat Herbert Fritsch die „Trilogie der Sommerfrische“ inszeniert, frei nach Carlo Goldoni (1707–1793) und bearbeitet von Dramaturgin Sabrina Zwach. Am Donnerstag war umjubelte Premiere, denn verglichen mit diesen 135 pausenlosen Theaterminuten ist jede Pauschalreise ein harmloser Trip.

Nächste Vorstellungen

an diesem Samstag sowie am 12., 17. und 18. Juli

Telefon 089/ 2185 1940

„Urlaub ist eine Mehrkampfdisziplin mit den Nachbarn“, zitiert das Programmheft Chansonnier Charles Aznavour. Just davon erzählt Goldoni in seinem Lustspiel: Die Bürger von Livorno brechen jedes Jahr zur Sommerfrische nach Montenero an der Adriaküste auf, ein gesellschaftliches Ritual, dem sich keiner entziehen will. Leisten kann sich diesen Urlaub eigentlich auch keiner, dennoch gilt’s, den Reichtum auf Pump auszustellen: meine Kleider, meine Gäste, meine 20 Pfund Kaffee, meine 50 Pfund Schokolade, meine elf Pfund Trüffel und meine 33 Flaschen Champagner. Soll von den anderen nur keiner denken, man sei ein Niemand. Bezahlt wird mit dem Versprechen, nach der Rückkehr zu bezahlen. Verschärft werden diese Gockeleien durch diverse Liebeswirren, sodass dieser Urlaub alles andere als erholsam ist.

Klingt verdammt aktuell. Das hat sich auch Fritsch gedacht, der Goldoni flugs in eine zwar überzeichnete, doch immer noch erschreckende Zeitgenossenschaft holte. Bei ihm geistern keine Figuren über die Bühne, sondern Dörrfleisch-Dandys, die Haut von der Sonne zu Leder verschmort. Einzig die Ränder von Sonnenbrillen und Shirts heben sich käseweiß ab, nachdem die grellen Fantasiekostüme abgelegt wurden. Grell sind auch die Streifen (Gerhard Richters „Strips“ grüßen herzlich), die über die Leinwand im Bühnenhintergrund flimmern, sich drehen und verschieben und so das Augenkrebsrisiko im Zuschauerraum erhöhen. Wie im Schattenspiel plustern sich die Typen und Schicksen hinter dieser Wand immer wieder auf. Vorne an der Rampe ist dann dagegen alles (sic! Da helfen auch Flip-Flops in der Badehose nichts) auf Normalmaß geschrumpft.

Fritsch, der am Residenztheater bereits einen herrlich entlarvenden „Revisor“ inszeniert hat, zieht auch bei Goldoni ordentlich das Tempo an. Sein spielfreudiges Ensemble geht locker jede Eskalationsstufe mit: Sebastian Blomberg etwa als öliger Schnorrer Ferdinando oder Friederike Ott als vom Neid zerfressene, mit Grellstimme kreischende, spinnenartig staksende Tochter oder Michele Cuciuffo, der das angeblich gestenreiche Sprechen der Italiener zu einer schweißtreibenden Sportart weiterentwickelt hat. Erstmals ist hier auch Nora Buzalka zu sehen, die von der nächsten Spielzeit an fest zum Theater gehört und in Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, Martin Kušejs Eröffnungsinszenierung der kommenden Saison, die Putzi spielen wird.

Fritsch und den Schauspielern gelingt vor allem in der ersten Hälfte ein Schmarrn, ein schriller, wortakrobatischer Quatsch, mit Tempo und viel Musik: Denn immer, wenn den Knallchargen auf der Bühne Worte nicht mehr groß genug erscheinen, singen sie Lieder von Gino Paoli, wunderbar begleitet von Carsten Meyer an Flügel und Hammond-Orgel. Schließlich ist in jedem Urlaub Musik drin – und Fritschs Abend tänzelt virtuos und unterhaltsam auf der Genregrenze zum Musical.

Leider kann die Inszenierung die Spannung nicht durchhalten, eine beherzte Straffung der zweiten Hälfte hätte Fritschs Anliegen deutlicher herausgearbeitet: Denn diese „Trilogie der Sommerfrische“ ist nicht nur vergnüglicher als jede Urlaubsreise. Die Inszenierung lässt immer wieder durchblicken, wie das Grauen hinter der mühsam konstruierten bürgerlichen Fassade aussieht. Am Ende, wenn den Schuldenbergen ausgewichen wurde und die Liebesknoten zerschlagen sind, kehren diese Sommerfrischler zurück – als Zombies.

Michael Schleicher

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