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Großartige Momente in stimmungsvollem Licht bietet Gil Mehmerts Inszenierung des Klassikers.

Gärtnerplatz-Produktion

Premierenkritik zu "Hair": Hippie-Trip ohne pflanzliche Zusätze

München - In der Reithalle wird "Hair" aufgeführt - als farbenprächtige, zwerchfellerschütternde und zu Tränen rührende Gärtnerplatz-Produktion. Lesen Sie unsere Premierenkritik. 

„Hair“ ist Kult! Das gilt gerade in München, von wo aus das einst skandalumwitterte Musical anno 1968 auch bei uns seinen Siegeszug antrat. In Luftlinie nicht allzu weit entfernt von der Brienner Straße, wo „Haare“ in seiner ersten deutschen Produktion über die Bühne ging, präsentiert das Gärtnerplatztheater nun in der Reithalle seine Version des Klassikers. Er riss am Premierenabend alte und junge Blumenkinder gleichermaßen von den Stühlen.

Dass „Hair“ schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, weiß auch Regisseur Gil Mehmert. Seine Inszenierung beginnt in einer anonymen Großstadt unserer Tage mit grau gewandeten, hektisch umhereilenden Business-Menschen. Mitten drin zwei übrig gebliebene Alt-Hippies, die das rastlose Treiben mit großen Augen an sich vorüber ziehen lassen. Dann jedoch darf Dagmar Hellberg mit kräftiger Stimme endlich „The Age of Aquarius“ heraufbeschwören und uns durch die Zeit zurück tragen. Das Licht wechselt, die Kostüme werden bunter, ein Hanffeld wächst aus dem Boden, und schon ist man mitten drin im „Hippie Life“.

Mit seinen Ausstattern Jens Kilian (Bühne) und Dagmar Morell (Kostüme) schickt der Regisseur den Zuschauer auf einen farbenprächtigen Trip, der das Lebensgefühl der Sechziger spürbar werden lässt, ohne dabei zur exotischen Kostümschlacht in naiv-nostalgischer Wohlfühlatmosphäre zu werden. Mehmert und sein Team bewahren dem Stück die politische Sprengkraft. Schließlich ging es den Hippies um mehr als um freie Liebe und Bewusstseinserweiterung durch pflanzliche Zusatzstoffe. Natürlich werden auch diese Aspekte reichlich thematisiert, doch bohrt man zu Galt MacDermots zeitlosen Ohrwürmern ebenso genüsslich den Finger in die Wunde und entzaubert manchen amerikanischen Traum. Angefangen von der Mondlandung über eine Miss-Wahl, in der die Feindbilder Russland, Vietnam, Kuba und Korea um die Wette posieren, bis hin zu Todesstrafe oder Südstaatenromantik, die mit einer zwerchfellerschütternden Parodie auf den Klassiker „Vom Winde verweht“ aufs Korn genommen wird.

Immer wieder findet die Inszenierung großartige Bilder, die von einem stimmungsvollen Licht- und Videodesign unterstützt werden. Und wenn etwa zu den Klängen von „Air“ die Agent Orange Wolke herabregnet oder bei „White Boys/ Black Boys“ die rassistischen Hohlköpfe des Ku Klux Klan aufmarschieren, wird auch den später Geborenen die bis heute gültige Botschaft hinter der Musik bewusst. Gekrönt wird dieser vor Energie nur so strotzende Abend von einer durch die Bank großartigen Band- und Ensembleleistung. Jedes einzelne Mitglied des 25-köpfigen „Tribes“ bekommt am Schluss seinen Soloapplaus zugestanden und hat ihn sich verdient. An der Spitze Dominik Hees als charismatischer Hippie-Anführer Berger, der mit markanter Rockröhre seinen Kumpel Claude davon abhalten möchte, in den Vietnamkrieg zu ziehen. Diesem Zweifler verleiht David Jakobs Profil und balanciert dabei gekonnt zwischen Angst und Rebellion.

Bettina Mönch darf als selbstbewusste Sheila neben ihrem komischen Talent diesmal auch ihre gefühlvolle Seite zeigen und hat mit Dionne Wudu eine weitere Powerfrau zur Seite, während Ruth Fuchs ihrem mit sanfter Stimme umschwärmten „Frank Mills“ wohl ewig hinterhertrauern wird. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Sie alle werden von Choreografin Melissa King über die Bühne gejagt, die Energiekurve wird stets am oberen Anschlag gehalten. King behandelt ihr Ensemble nie als uniforme Masse, betont stattdessen persönliche Stärken und feiert ganz im Geiste des Stückes das Individuum. Da darf etwa die schwangere und von Christina Patten mit viel Herz ausgestattete Jeanie auch mal kurz ein paar Frühwehen wegatmen, bevor sie wieder in den Chor ihrer Freunde einstimmt.

Wenn zum beklemmenden Finale nach Claudes sinnlosem Tod Blumen in den Helmen der Gefallenen gepflanzt werden, verdrückt man sogar auf und vor der Bühne die eine oder andere echte Träne, ehe Ensemble und Publikum tanzend und singend lautstark einfordern „Let the Sunshine in“. Sollte vorher jemand daran gezweifelt haben, ob man „Hair“ heute überhaupt noch auf die Bühne bringen muss: Der erschreckend aktuelle Hippie-Klassiker hat noch jede Menge Leben in sich!

Tobias Hell

"Hair" wird bis zum 17. März aufgeführt. 

Telefon 089/ 2185-1960.

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