Premierenkritik: Von Heiteitei-Musik zur Tragödie

München - Hans Neuenfels inszenierte für das Münchner Nationaltheater Giovanni Simone Mayrs „Medea in Corinto“.

Startzeit 22.10 Uhr - und das ohne Knall und Rauch. Es fliegt einfach weg, das kleine Haus auf Anna Viebrocks monumentaler Fassadenarchitektur. Darin: ein Pferd. Medeas Schlachtross? Ein Kraftsymbol? Der Mythos an sich? Noch so ein Rätsel, während Giovanni Simone Mayrs Musik auf der Zielgeraden schwitzt und manch Fan, der an Tragödienschwergewichten à la Beethoven und Gluck gestählt ist, sich ein letztes Mal fragt: Muss „Medea in Corinto“ wirklich sein?

So viel „Mia san mia“ ist ja selten im Münchner Nationaltheater. Kein Fremdeinkauf, sondern die italienische Griechen-Oper eines waschechten Ingolstädters, der als geistiger Vater Donizettis & Co. gilt. Für die An- und Zurichtung verantwortlich: ein Regisseur, dessen hiesiges Debüt rund 20 Jahre zu spät kommt. Und so wie Mayrs schwer fassbares Opus, das als Prosecco-Rossini anhebt, immer mehr Widerhaken austreibt und sich zunehmend schwarz färbt, ist auch die Regie von Hans Neuenfels. Der platziert folgerichtig die von Dirigent Ivor Bolton neu zusammengestellte Ouvertüre (warum eigentlich?) nach dem ersten Bild mit seiner Heiteitei-Musik. Mythos, Tragödie, so wird auch per Zwischentitel signalisiert, das kommt erst jetzt.

Vom ersten Moment an, wenn Medea im rituellen Buschkrieger-Gewand die Bühne entert, ist Neuenfels auf ihrer Seite und bei einem alten Thema: eine Fremde, eine andere, gebrandmarkt vom sozialen Umfeld. Und siehe da: Nach spätestens zehn Minuten ist einem diese Gesellschaft dank Neuenfels’ Barrikadenkämpfer-Repertoire auch verhasst. Eine Masse im Einheitsgrau, ob in Uniformen aller Epochen oder Ausgehkleidchen. Die heimgekehrten Krieger werden gefeiert, während man die Opferung der Gefangenen erschauernd und wegblickend in Kauf nimmt - lieber eine Kugel mehr verschießen als über Humanes sinnieren.

Ein ironisches Distanzieren und Denunzieren liegt Neuenfels fern, obgleich Mayr mit munteren Formel-Nummern dazu verführt. Neuenfels nimmt diese Musik zum Anlass für Zynisches, Böses, auch Karikaturenhaftes, wenn er etwa Korinther-König Creonte als buckliges Vatermonster auftreten lässt - was Alastair Miles allzu gern auskostet und schon mal die Krone über die Bühne golft.

Dass sich Neuenfels angreifbar macht durch seine Plakativität, ist unter Umständen gewollt. Dass er aber diese „Medea“ auch mit erprobten Regie-Zutaten abhakt und Aktion dabei an eine (zu) große Statistenriege delegiert, ist ein Problem. Und ob Folter der Egeo-Freunde oder Dauer-Geballere der Soldaten: Schocker fühlen sich anders an. Ebenso, wenn Neuenfels Medeas Kinder zeigt, die Situation der gepeinigten Mutter fassbar machen will. Es bleibt beim genau choreographierten Einfall, der einen nicht peinigt, sondern den man lediglich registriert.

Aber ist alles nun Eigenverantwortung oder doch Spiel höherer Mächte? Neuenfels lässt das offen, indem er Tänzer als Hymen (Oliver Exner) und Amor (Denys Mogylyov) einführt, die alles beobachten und beeinflussen. Weniger süße Geisterchen sind dies, sondern Engel und Teufel jeweils in einer Person. Medea, so versteht man schnell, ist überall. Mayrs Opus wird deshalb zum wilden Ästhetik-Mix. Unten Beton, erster Stock Fascho-Schick, oben Antike, so wuchtet Anna Viebrock einen ihrer vielsagenden Innen-Außen-Räume auf die Bühne. Und auch das Personal in den schönen Kostümen von Elina Schnizler bietet ein Epochenspringen vom Antikenkrieger bis zum Fremdenlegionär, Letzterer von Ramón Vargas (Giasone) eher bemüht verkörpert - ein wie gebremster Stilist, dessen (auch vokaler) Feinsinn sich ins falsche Stück und in die falsche Aufführung verirrt hat.

Die Liebe zwischen Giasone und Medea, von Mayr in einem Duett ausgeplaudert, bleibt also nur Behauptung. Und das, obwohl Nadja Michael selten so gut war wie als Medea: keine stereotype Salonschlange wie noch in Ku(s)ejs „Macbeth“, sondern eine verletzte, kraftvolle, zerrissene Frau. Doch die schaltet eine Spur zu schnell von null auf 180: Die feinen Zwischentöne stehen Nadja Michael besonders stimmlich kaum zur Verfügung. Gut kontrollierte Linienzeichnung gibt es daher nur ansatzweise, dafür ein schnelles Umkippen in eine flackernde, unstete, in der letzten Szene auch ungenaue Dramatik.

Vokal makellos sind dagegen Elena Tsallagova als kühl stöckelnde Creusa mit ebenso streng kanalisiertem Sopran und Alek Shrader (Egeo), von dem man sich eine ganze Rollenpalette aus dem Rossini- und Belcantofach vorstellen kann. Dass im Graben endlich wieder Ivor Bolton mit einer Premiere betraut wurde, kommt der Partitur gerade recht. Bolton ist zwar wie immer mehr lustvoller Impulsgeber statt präziser Strukturarbeiter und bringt manches ins Schwimmen. Doch seine sprunghafte Verve, sein hochtouriges Befeuern lässt einen in Zweifelsfällen ein Ohr zudrücken - und das Staatsorchester mit erlesenen Bläser-Soli Fremdel-Phasen schnell überspringen. Ehrenrettungen? Sehen vielleicht manchmal anders aus - aber genauso sollten sie klingen.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen:

10., 13., 16., 20., 29. 6.; Telefon 089/ 2185-1920.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
Reinhold Messner erklärt im Interview, warum Südtirol als Vorbild für Europa taugt. Und er spricht über sein neuestes Projekt: eine Himalaya-Hängebrücke.  
Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Augsburg - Die Sanierung des Stammhauses zwingt das Ensemble des Augsburger Theaters gerade ins Exil. Für Verdis „Otello“ wanderte man in den „Kongress am Park“ aus. …
„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft
Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
München - Heute wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sich ein Besucher an sein letztes Konzert mit Nirvana in München.
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München

Kommentare