Flugzeug bei Ravensburg abgestürzt: Drei Tote

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Elizabeth (Andrea Wenzl) wird ihren Mann Henry (Lukas Turtur) aus ihrem Leben verbannen und ihre Sorgen im Alkohol ertränken.

Premierenkritik: Wie ein Kriminalfall

München - Radu Afrim inszeniert am Münchner Cuvilliéstheater „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell. Den Stoff, eine Familiensaga über vier Generationen, packt er in ein Theaterstück, das er so spannend wie ein Kriminalstück erzählt.

Eine Familiensaga über vier Generationen – das ist eine potenzielle Erzählmasse für einen 300-Seiten-Roman. Aber nein, Andrew Bovell packt diesen Stoff in ein Theaterstück! Der 49-jährige Australier, versiert auch als Film- und TV-Drehbuchautor, baute sein Stück wie eine Partitur: Über scheinbar unzusammenhängende, ständig wiederaufgenommene und erweiterte Motive entfaltet sich das Schicksalsdrama der Laws und der Yorks wie ein surreales Kriminalstück. „Das Ende des Regens“ (Deutsch von Maria Harpner und Anatol Preissler), 2008 zweifach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, hatte am Sonntag in der Inszenierung des Rumänen Radu Afrim (41) Premiere im Münchner Cuvilliéstheater. Nach dem kräftigen Schlussapplaus kann Residenztheater-Intendant Martin Ku(s)ej diesen Abend wohl auf seinem Pluskonto verbuchen.

Wir sind im australischen Alice Springs im Jahr 2039. Es regnet (nur im Text) in Strömen. Und ein Fisch fällt vom Himmel: ein Segen für den einsiedlerischen Gabriel York, der mit der Himmelsgabe – ganz am Ende des Stücks – seinen Sohn Andrew bewirten kann. Aber jetzt schwenkt das Stück – hier in einem stimmigen hohen, gefühlsfrostigen hellgrauen Einheitsraum – erst einmal zurück ins Jahr 1988. Und dann geht es im Zickzack und harten Schnitten (in der Hälfte des Textes fällt der musikalische Begriff „Attacca“) hin und her zwischen 1959 und 2039 und den beiden Kontinenten. Mit den groß projizierten Orts- und Zeitangaben, mit kennzeichnenden Kostümen und dem einführenden Genealogie-Prolog kommt der Zuschauer aber ganz gut zurecht, auch wenn die junge und die alte Elizabeth gleichzeitig auf der Bühne sind.

Bei Elizabeth fängt eigentlich alles an. Ihre Ursünde ist es, ihren Mann Henry, der selbst unter seiner Veranlagung leidet, aus ihrem Leben und dem ihres Kindes zu verbannen – auch dem schon erwachsenen Sohn alles zu verschweigen. Die ältere Elizabeth, eine im Alkoholismus gestrandete Meisterverdrängerin, wird bei Barbara Melzl, hier gebremst in ihrer Vorliebe für Outriertheit, zu einem der eindringlichsten schauspielerischen Momente.

Auf die Lösung der Geschichte muss der Zuschauer allerdings genau so lange warten wie Gabriel und Gabrielle. Aber man erlebt in dieser langen Dialogfolge – und dies die kluge Absicht des Autors –, wie eine verhängnisvolle Neigung einer Person das Leben der Angehörigen bis ins dritte Glied zerstört; wie von ihren Eltern verlassene oder ungeliebte Kinder traumatisiert sind, lebensuntüchtig werden, selbst dann auch keine elterliche Verantwortung übernehmen können. Gabriel York, Henry Laws Enkel, verlässt früh seine Familie, weil er sich zur Vaterrolle nicht befähigt fühlt. Der Bann wird erst gebrochen durch den unerwarteten Besuch seines Sohnes Andrew, dessen spontane Sympathie und dem gemeinsamen Fisch-Essen.

Den jetzt einschwebenden riesigen Fisch lässt man sich noch als überdeutliches Erlösungs-Symbol gefallen. Und wenn die junge Elizabeth ihren Henry an einen Stuhl fesselt, ist das eine sinnfällige optische Übersetzung ihrer frustrierten Liebesbegier. Des Öfteren entgleiten jedoch solche Körperbilder ins Gaghafte. Ein lebensgroßes Känguru (wer war unter der Maske?) „schmückt ungemein“. Das durchgehende Motiv der Fischsuppe wird hier zum putzigen Küchenmanöver verniedlicht. Und was bringt es, wenn Oliver Nägele als Joe Ryan und Michaela Steiger als demente Gabrielle mit rollenden Kühlschränken durch Kältenebel kurven? Zwischen den beiden herrscht seit drei Jahren Gefühls-Eiszeit, okay. Aber mit weniger von dieser Action aus dem Alt-Fundus des Tanztheaters wäre aus diesem doch sehr ernsthaften Stück tatsächlich mehr herauszuholen gewesen. Mehr Tiefe, die man den Schauspielern, auch der jüngeren Garde zutraut.

von Malve Gradinger

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