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Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: „Mama Dolorosa“ mit (v.li.) Julia Rutigliano, Daniel Gloger, Rebecca Nelsen und Philipp Grimm.

Premierenkritik: "Mama Dolorosa"

München - Zweite Uraufführung bei der Münchener Musiktheater-Biennale: „Mama Dolorosa“ von Eunyoung Kim

Zweimal auf den Sohn hingearbeitet, abgetrieben, als sich im Ultraschall kein Mannes-Fortsatz zeigt, dann wird das Erträumte wahr, da stirbt nach der Geburt prompt Papa: Für ein Trauma langt diese Leidensgeschichte leicht, mindestens aber für einen Rezeptblock in Sachen Dauer-Therapie. Vor allem aber für eine schaurige Psycho-Opernstudie nebst Gesellschaftsanklage – erst recht, als Wunschsohnemännchen zum mutmaßlichen Mörder wird.

Und dann das. Eine tiefsinnige Trauerkloßsuppe ist „Mama Dolorosa“ aus der Komponistinnenküche von Eunyoung Kim keinesfalls. Eher eine Groteske. Eine exaltierte Burleske als zweite Uraufführung bei Münchens Musiktheater-Biennale. Mehr noch: ein gefährlich heißlaufendes Scherzo, in dem Mama, Großmutter und Nachbarin im Carl-Orff-Saal den Rand des Nervenzusammenbruchs schon knapp hinter sich gelassen haben.

Eunyoung Kims Musik ist auf Speed. Dass die Mitglieder des wackeren Staatsorchesters Braunschweig unter dem Dirigat von Sebastian Beckedorf (das Theater ist Koproduktionspartner) ihre Instrumente bekratzen und beklopfen dürfen, so etwas hat in der Avantgarde schon einen Bart. Die Partitur ist ja auch auf anderes aus: auf eine hypernervöse Klangsprache, auf einen überdrehten Pointillismus von tonlosen Einsprengseln bis zum Akkordhagel, auf Entwicklungen, die in langen, kreisenden Ostinati Anlauf nehmen, vor allem auf eine Stimmbehandlung, die Intervalle unvermittelt nach oben kippen lässt und das ständige Außer-sich-Sein der Personen bis zur akustischen Belusti- und Belästigung übertreibt.

Vadim Glowna - Ein Leben auf der Bühne

Vadim Glowna - Ein Leben auf der Bühne

Eunyoungs kalkulierte Hysterie wird dabei in der Inszenierung ihrer Librettistin Yona Kim noch ein, zwei Umdrehungen weitergetrieben. Hintersinnig wird der Söhnchenwunsch nicht als Folge von Gesetzen in einem übervölkerten asiatischen Staat gedeutet, sondern als Ausfluss mütterlicher Hypersexualität entlarvt: So, wie Mama, Nachbarin und Oma den schmucken Beau (Philipp Grimm) begaffen und begrapschen, ist der wirklich zur anormalen Entwicklung verdammt.

Sopranistin Rebecca Nelsen (Titelrolle) vergisst ob des Wahnsinns nie ihre gute Vokalerziehung, dafür ist Countertenor Daniel Gloger zuständig. Seine Großmutter ist ein Monster, ein keifender Wolpertinger aus Grimm- scher Hexe und Monty-Python-Popanz, der manchen im Publikum nach der (nicht vorhandenen) Pump-Gun fingern lässt. Herrlich schräg, aber auch ein harter Test fürs Trommelfell.

Als der Kommissar (Christan Miedl mit virilem, biegsamem Bariton) die Damen verhört und nach dem weggesperrten Sohn fahndet, gleitet die Sache auf der kargen, nur mit Stoffbahnen verhängten Bühne (Ben Baur) in die „Tatort“-Parodie. Nach 65 Minuten ist ein Kontrabass erhängt, der Wahnsinn vorbei und man sich nicht ganz sicher, ob nicht doch Hape Kerkeling mit einem erlösenden „Hurz“ die Bühne betritt. Braunschweig muss jetzt sehr, sehr stark sein.

Weitere Vorstellungen

heute und morgen, 20 Uhr, Carl-Orff-Saal;

Telefon 0180/ 54 81 81 81.

Von Markus Thiel

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