Was wird die Fremde tun, der man Rettung versagt? Medea (Julia Richter, vorne) wird beobachtet von König Kreon (Oliver Möller v. li.), ihrem Mann Jason (Moritz Kienemann) und ihrem Helfer Ägeus (Leon Pfannenmüller). Foto: Arno Declair

Premierenkritik

„Medea“ am Volkstheater: Blutiges Recht

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München - Abdullah Kenan Karaca inszenierte für das Münchner Volkstheater Euripides’ Drama „Medea“. Unsere Premierenkritik. 

Wispern und Tuscheln erfüllt die Bühne des Münchner Volkstheaters, auf der eine junge Frau in einem räudigen Transitraum, von drei Männern beobachtet, kauert. Geredet wird über Medea tatsächlich seit Jahrtausenden, nicht erst als 431 v. Chr. Euripides’ Drama „Medea“ uraufgeführt wurde. Diese Frau aus der griechischen Mythologie, die zaubermächtige Fremde, ist Trägerin vieler Konfliktstoffe, die uns noch heute angehen – und eine faszinierend grausig-kompromisslose Figur. Jetzt hat sich Abdullah Kenan Karaca der Geschichte angenommen. Am Donnerstagabend war Premiere (knapp eineinhalb Stunden).

Vincent Mesnaritsch baute Kenan für seine nachdenkliche Inszenierung einen zum Publikum offenen Würfel. Der trostlose Warteraum mit dem sonst bei Verhören üblichen Beobachtungsspiegel lässt noch viel von der Bühne frei. Dort agiert der Frauenchor, bei Karaca eine einzelne Schauspielerin, und teils die Amme Gora. Solche Verfremdungseffekte sind dem Regisseur wichtig. Er ist da im Gleichklang mit dem alten Griechen, der die Frauen philosophisch reflektieren oder soziologisch analysieren lässt und damit die tödliche Wucht der Gefühle flankiert. Medeas Rache ist nicht blindwütig, sondern trotz heißem Herzen und grausamer Verzweiflung kalkuliert und entschlossen. Was uns nicht mehr präsent und für uns sehr ungewöhnlich ist: Sie nimmt ein Recht wahr. Jason, dem sie mehrmals das Leben gerettet und mit dem sie zwei Söhne hat, hatte ihr mit heiligen Eiden Treue  geschworen.  Sein karrieristischer   Schwenk hin zur korinthischen Prinzessin Glauke  bricht also sogar göttliches Gebot. Das Stück wurde zwar jetzt eingedampft, aber doch so klug, dass Euripides’ Argumentationsketten verständlich werden; auch dank der angenehmen Übersetzung von Hubert Ortkemper.

Für seine Idee, Mythos und Gegenwart zu verquicken, hat das Volkstheater-Team aus Karaca, Mesnaritsch und Kostümbildnerin Sita Messer allerdings keine Lösung gefunden. Gerade die halbscharige Ausstattung zwischen Discokleidchen, weißem Rollkragenpullover und auftoupierten Perücken macht die Figuren zu klein. Das funktioniert nur wunderbar in den Szenen einer Ehe, die Moritz Kienemann als Jason fein-komisch bedient. Das Imposante des Mythos hat sich dabei verkrümelt und folglich das großartige Aufeinanderprallen der Heroen und der Extremismus der Gefühle. Denn das ist ein weiterer Verfremdungseffekt. Durch ihn werden die Helden als Beispiele vorgeführt, und zwar mit Thriller-Unterhaltungswert, aber eben nicht als nachahmenswerte.

Die Inszenierung formt die Männer zu Karikaturen. Oliver Möller (Kreon), Leon Pfannenmüller (Freund Ägeus) und Kienemann entledigen sich der Aufgabe mit Anstand. Den Schmerz der Väter (Kreon, Jason) können sie freilich nicht glaubwürdig darstellen. Abdullah Kenan Karaca muss noch tiefer in diese Aufgabe eines Regisseurs einsteigen: Schauspieler bei der Rollengestaltung zu unterstützen. Daran mangelte es außerdem bei Luise Kinner als Gora und sogar bei Julia Richter als Medea. Nur Mara Widmann konnte als still bewegte und bewegende Chorfrau überzeugen. Mit winzigen Nuancen machte sie klar, dass sie an Medeas Schicksal als verlassene Frau und Flüchtling mitlitt, sogar deren Kindermord nachvollziehen konnte, dass ihr weibliche Solidarität wichtig war. Widmann ist im Übrigen die einzige, die den Text gut spricht.

Julia Richter, neu im Ensemble, war bei der Premiere enorm angespannt. Das wird sich geben. Sie ist eine junge Medea, was passt, Richter indes verleitet, pubertären Trotz zu sehr herauszukehren. Das hat eine Königstochter, deren Opa Gott Helios ist, nicht nötig. Das Hin-und-hergeschleudertwerden zwischen Gefühlszuständen, Raserei und raffinierter Überlegung spielt Julia Richter mit Hingabe und vielseitiger Körpersprache. Dadurch zerfasern bisweilen ihre Kräfte, weicht sie Medea gewissermaßen aus. Die Wirkmächtigkeit einer Figur in schauspielerischer Ruhe zu finden, müssen sich der junge Regisseur und die junge Schauspielerin noch erobern.

Nächste Vorstellungen am 1., 6., 16. Dezember; Karten: 089/5234655.

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