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Im Holzfällerhemd und mit Stetson auf dem Kopf: Ursula Werner als Cowboy Robert in „Du mein Tod“.

Premierenkritik: Ein eindringlicher Abend

München - Der Schauspieler Thomas Schmauser gibt mit „Du mein Tod“ im Werkraum der Kammerspiele sein Regie-Debüt und bereitet den Zuschauern einen eindringlichen Abend. Die Premierenkritik:

Wenn man im Netz Robert Eads (1945-1999) googelt, schaut einem ein Cowboy mit Kräuselbart entgegen, freundlich lächelnd. Kein Anzeichen seiner Leidensgeschichte: Robert, transsexuell, wurde als Mädchen geboren. Was das im prüden Amerika heißt – siehe die jetzt den US-Wahlkampf anheizende Debatte um die Homo-Ehe –, dokumentierte die engagierte Filmerin Kate Davis in dem preisgekrönten Film „Southern Comfort“. Mit einer „Nacherzählung“ wagte sich der Münchner Kammerspiele-Schauspieler Thomas Schmauser an seine erste Regie-Arbeit: „Du mein Tod“ im Werkraum – mit der wunderbaren Ursula Werner als Robert und insgesamt in seiner ruhigen, beiläufigen Spielweise ein eindringlicher Abend.

Nur zu Beginn, theatral verstärkt, das ohrenbetäubende Ratterwummern eines Computertomographen, Robert hat Gebärmutterkrebs. Von hier aus wird sein gesellschaftlich verursachtes absurdes Schicksal aufgerollt, überraschend angenehm privat: in Gesprächen, in wechselseitigen Erinnerungen von vier Menschen, die anders sind als andere, ausgegrenzt und darum in umso engerer Freundschaft verbunden. Robert, zunächst angepasste Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, entschließt sich mit fast vierzig zu Scheidung und Geschlechtswechsel, erst nach den Wechseljahren. Deshalb werden auf ärztlichen Rat die Eierstöcke nicht entfernt. Bei Entdeckung des Krebses lehnen im ländlich-konservativen Georgia zwanzig Ärzte eine Behandlung ab, aus Angst vor Diskriminierung, also auch vor geschäftlichen Einbußen. Die Eads-Geschichte kann man natürlich im Netz nachlesen, auch alles über den medizinischen, den Definitions- und Begriffsstreit. Betroffene sehen die sogenannte Transsexualität, und das sicher zu Recht, als Geschlechtsidentitätsstörung. In diese Richtung zielt auch Schmausers Inszenierung. Hier sieht und hört man Menschen zu, die ihre Identität unter Schwierigkeiten gefunden haben. Nachvollziehen kann man es nicht, wie es sich anfühlt, im falschen Körper auf die Welt gekommen zu sein; wie Robert in seiner Frau-Phase die Geburt seiner Kinder als Glück und zugleich als das Schlimmste erlebt hat. Aber so wie Schmausers Figuren in diesem zwischen Holzlattenwänden etwas unaufgeräumten Western-Livingroom ihren Alltag, den Zusammenhalt ihrer „Wahlfamilie“ leben, wird das Anderssein völlig normal.

Ursula Werner, so weiblich als Liebende im Dresen-Film „Wolke 9“, jetzt in rotem Holzfällerhemd und mit Stetson, ruht völlig selbstverständlich in ihrer männlichen Körpersprache. So wie einst tatsächlich Robert Eads wäre auch Werners Robert vom Ku-Klux-Klan als Mitglied gewünscht. Peter Brombacher, der Roberts Gefährtin Lola ganz unauffällig fein spielt und mit seiner blonden Perücke auch überhaupt nicht komisch oder transvestitisch wirkt. Die knabenhafte Barbara Dussler als Transmann Max mit Morgane Ferru als seiner Frau geben das junge Paar, das dann und wann in einen Song einstimmt. Musiker Ivica Vukelic greift immer wieder zur Gitarre und begleitet das Quartett, wenn sie reden, Kaffee trinken, sich ihre Liebe beteuern, Fotos aus früheren „falschen“ Lebensabschnitten humorvoll kommentieren und sich ständig eine neue Zigarette anzünden (für Nichtraucher im Publikum eine Tortur, wenn auch inhaltlich begründbar): „Ich rauche seit ich fünf war/ ich gebe es nicht auf“, sagt Robert – was klar auf seine frühkindliche psychische Verspannung verweist.

Thomas Schmausers Text ist eher schmal. Was nicht stört, so wie er den Worten Raum und Zeit gibt. Ursula Werner bringt diese Worte, ohne Larmoyanz, ganz nah an uns heran, wenn Robert kurz vor seinem Ende seine Rede vorbereitet für die „Southern Comfort“-Konferenz, das wichtigste US-Transgender-Forum: „Keine Vorurteile, keinen Hass“. Und Autor Schmauser lässt sein Stück enden mit: „Die Natur hat Freude an der Vielfalt/ Warum nicht auch die Menschen.“

von Malve Gradinger

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