+
Ganz auf Nikolaus Paryla ausgerichtet: Der Schauspieler und Regisseur als Molières Argan auf seinem Krankenlager.

Premierenkritik: Molière noch etwas verspannt

München - Nikolaus Paryla inszenierte und spielt Molières „Der eingebildete Kranke“ in der Komödie im Bayerischen Hof. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

Zurück ins Jahr 1673. Herrn Argan geht es schlecht: die Galle. Oder doch die Leber? Die Milz? Am liebsten alles zusammen? Umgeben von einer Batterie Arzneifläschchen sitzt der so Geplagte vor seinem Himmelbett, arbeitet den Stapel von Arzt- und Apotheker-Rechnungen ab und lässt empört ob der Wucherhonorare – „Ein Klistierchen, dreißig Sous!“ – die Münzen klirrend in kleine Kummen fallen. Schon gleich zu Beginn von „Der eingebildete Kranke“, der letzten Komödie von Molière (1622-1673), gibt Nikolaus Paryla, der auch inszenierte, eine ausgiebige Kostprobe seiner bekannten sprachmusikalischen und mimisch-gestischen Schauspielkunst. Am Ende anhaltender Applaus in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof.

Na, wenn’s irgendwo zwickt, steckt ja schnell ein Winz-Hypochonder in vielen von uns. Mithin ist dieser scheinbar von sämtlich möglichen Malaisen heimgesuchte Herr Argan ein wunderbares (Heil-)Mittel, sich – selbstbelächelnd – vergnüglich zu therapieren. Wofür Nikolaus Paryla durchgehend alle Register zieht. Zwischen wehleidigem Gejammere und störrischer Patriarchentyrannei – hinter der er so schön auch eine leise Melancholie zu erkennen gibt – füttert er sich mit Pillen und Pülverchen. Humpelt und wedelt durch sein von Ausstatter Thomas Pekny auf zugemöbeltes 17. Jahrhundert gestyltes Schlafgemach. Sinkt ermattet in die von Dienerin Toinette aufgeklopften Kissen, um doch höchst quicklebendig die Heirat seiner Tochter Angélique zu arrangieren: gegen ihren Willen mit dem Sohn seines Quacksalbers. Ein Arzt als Schwiegersohn, darin sieht dieser verblendete Argan die Lösung aller seiner Krankheitsprobleme.

Molière verquickt hier mindestens drei seiner in vielen Stücken abgehandelten Herzensthemen: unwissende, sich dümmlich-arrogant in Fach-Latein rettende Ärzteschaft, Vater-Tochter-Konflikt, Schein und Sein. Und dies in spielerisch heiterer Form. Die Lösung im Stück bringt dann die von Undine Brixner beherzt-bodenständig gespielte Toinette. Als Argan sich auf ihren Rat scheintot stellt, entlarvt sich Argans Gattin als gnadenlose Erbschleicherin, Angélique hingegen als dem Vater herzlich zugetane Tochter. Daraufhin bekommt sie ihren geliebten Cléante, während ihre Stiefmutter in Wahn verfällt. Und wenn Toinette das vermuffte Krankenzimmer kräftig durchlüftet, ist Argan auch von seinen Schein-Leiden geheilt.

Die Zeiten, in denen die Medizin die Gesunden mit Klistier und Aderlass krank machte und Geld- und Zweckehen erzwungen wurden, sind zumindest in der westlichen Hemisphäre vorbei. Aber wie Molière hier zeitlos Charaktere und Typen zeichnet, kann immer noch für höchstes Erkenntnis-Vergnügen sorgen. Man hatte diesbezüglich mehr Witz, mehr Komik oder auch gepfefferte Farce erwartet. Das gesamte Personal, von der Argan-Gattin über Argans Bruder bis zu den Doktores, wirkte ein wenig verspannt – was sich ja noch wegspielen lässt.

In der Premiere blieb die Inszenierung ganz auf den Protagonisten Paryla ausgerichtet, dem als Regisseur die Zeit für seine Mitspieler vielleicht zu knapp wurde. Für sich selbst hatte er so kleine feine Ideen wie die Ballett-Pantomime, die auch Molières „comédie ballet“ entspricht: Da erhebt sich Paryla wie im Traum von seinem Krankenlager – und tänzelt, schwebt grazil durch den Raum.

Malve Gradinger

Weitere Vorstellungen bis 10. März;

Telefon 089/ 29 16 16 33.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare