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Ein seltener Augenblick der Nähe: Meist agieren Friedrich Hofreiter (Tobias Moretti) und seine Genia (Juliane Köhler) in Martin Kusejs Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ mehrere Meter voneinander entfernt. Ein Sinnbild für den Zustand ihrer Ehe.

Premierenkritik: Im Netz der Leidenschaften

München - Martin Kusej inszenierte zum Start seiner Intendanz am Staatsschauspiel Schnitzlers „Das weite Land“ als Psycho-Studie.

Es ist ein gelungener Einstand. Mit seiner Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ hat Martin Kusej am Donnerstag seine Intendanz am Bayerischen Staatsschauspiel sehr solide eröffnet. Und wenn bereits diese Premiere als eine Art Visitenkarte der ersten Münchner Spielzeit des 50-jährigen Kärntners gelten darf, können wir uns freuen auf gut gemachtes Theater, das berührt und anrührt, sowie auf einige großartige Schauspieler.

Denn das ist vielleicht das Bemerkenswerteste dieses etwas mehr als drei Stunden langen Abends: Obwohl sich Kusej seine Darstellerriege, mit der er die kommenden Jahre gestalten will, gerade erst zusammengesucht hat, agiert das Ensemble auf der Bühne des Residenztheaters so homogen und umsichtig miteinander, als träte man schon seit Jahren miteinander auf. Wer befürchtet hatte, die ganz großen Namen wie Tobias Moretti, Juliane Köhler, August Zirner oder Eva Mattes würden alle anderen überstrahlen, sieht sich getäuscht: Es wird gemeinsam gespielt.

Martin Kusej verzichtet – in diesem Fall: ein Glück! – auf eine Um- oder Neu-Interpretation von Schnitzlers Tragikomödie und liefert stattdessen eine exakte, klug gekürzte Psycho-Studie, bei der er seinen Darstellern viel Raum gewährt. Sie verstehen ihn zu nutzen, zeigen eine konzentrierte Analyse des Scheiterns der Ehe von Friedrich Hofreiter und seiner Genia. Hier erzählen Blicke Geschichten, hier verraten kleinste Gesten große Zusammenhänge.

Schnitzlers Drama, das fast auf den Tag genau vor 100 Jahren am Residenztheater (und acht weiteren Bühnen) uraufgeführt wurde, verknüpft geschickt komische und tragische Elemente. „Das weite Land“, eine Metapher Schnitzlers für die menschliche Seele, ist immer dann Komödie, wenn die Charaktere in den Netzen ihrer Konventionen hilflos zappeln. Das Stück wird zur Tragödie, weil sich keiner wirklich daraus befreien kann – bis zum bitteren Ende.

Beengt wie die moralischen Vorstellungen der feinen Gesellschaft, die sich zur Sommerfrische in einem Kurort bei Wien trifft, ist auch die Bühne, die Martin Zehetgruber gebaut hat: ein Kasten aus dunklem Holzfurnier, kaum mehr als mannshoch, der die Tiefe des Raumes nicht nutzt, sondern nach wenigen Metern durch dicht herabhängende Zweige von Trauerweiden begrenzt wird. Hinter diesen freilich, enthoben den Blicken (und Urteilen) der Gesellschaft, scheinen die strengen Regeln ausgesetzt zu sein. Dort spielen die Herrschaften Tennis (auch wenn dieser Begriff in Kusejs Inszenierung nie fällt) – doch wenn sie zurückkehren, wirken sie so verschwitzt, derangiert und blutig, als werde aus dem Spiel bei jeder Partie bitterer Ernst. Nur als Hofreiter und seine Freunde in den Dolomiten bergsteigen, öffnet Zehetgruber die Bühne, reißt sie bis zur nackten, schwarzen Brandmauer auf, sodass die Figuren tatsächlich plötzlich wie Marionetten wirken, hängend an den Fäden ihrer schier unbeherrschbaren Gefühle und Leidenschaften.

Doch enden wird alles wieder in der Enge. Das Alte trägt bei Schnitzler einmal noch den Sieg davon, als Hofreiter Otto erschießt und mit ihm dessen „Jugend“, die in seinem „frechen, kalten Aug“ glänzte. Der Preis dieses Sieges freilich ist hoch: Hofreiter wird Frau, Geliebte, Heimat verlassen – scheint all das zu verschmerzen und bricht erst in Tränen aus, als er begreift, dass er auch den Sohn nicht wiedersehen wird.

Allein und gebrochen steht Tobias Moretti da vor einem Vorhang widerlichen Nieselregens. Sein Hofreiter ist jetzt erstmals auf sich selbst zurückgeworfen, scheint zu begreifen, wovor er sich stets durch Fassade und Zampano-Gehabe geschützt hatte: Moretti zeigte den Fabrikanten bis dato als charmanten Kotzbrocken, als liebenswerten Süßholzraspler und bitteren Zyniker. Dieser Hofreiter hatte Spaß am Spiel – nicht nur an Tennis und Billard. Dennoch lässt er seiner Figur einen Rest ihres Geheimnisses. Das ist reizvoll. Und gilt auch für Juliane Köhler als Hofreiters Gattin Genia: Sie leidet an den Verhältnissen, gewiss, und Köhler gewährt uns einen tiefen Blick in die Zerrissenheit dieser Frau, die sich einzig durch eiserne Selbstdisziplin vor der Explosion schützt. Doch hütet sich Köhler geschickt davor, Genia nur als Opfer zu zeigen: Deshalb bergen die Szenen dieses Paares bis zum Ende eine besondere Spannung.

Eva Mattes verleiht der geschiedenen Anna Meinhold-Aigner ein großes Herz und ordentlich Hirn – die Trennung hat diese Frau reifen und erkennen lassen. Ebenfalls einen wunderbaren Einstand am Residenztheater gaben Markus Hering und Britta Hammelstein. Sein Doktor Mauer ist ein feiner Kerl. Ihre Erna ein kokettes, herzensgutes Mädel irgendwo zwischen Kind und Frau. Am Ende: großer Jubel. Ein gelungener Einstand.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 9., 15., 16., 29. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Die Handlung

Friedrich Hofreiter, Glühlampenfabrikant, und seine Gattin Genia haben sich entfremdet. Er hat zwar gerade seine Affäre mit Adele, der Frau seines Bankiers Natter, beendet, und sie hat den Avancen eines jungen Pianisten widerstanden, der sich daraufhin erschoss, dennoch wird diese Ehe nur noch dem Schein nach geführt. Dann beginnt Hofreiter bei einer Bergtour eine Affäre mit der jungen Erna. Seine Frau wird derweil die Geliebte des Marine-Fähnrichs Otto. Friedrich erschießt Otto im Duell, tötet gleichsam die Jugend, die er nicht mehr besitzt. Er verlässt daraufhin Gattin und Geliebte.

Die Besetzung

Regie: Martin Kusej.

Bühne: Martin Zehetgruber. Kostüme: Heide Kastler.

Darsteller: Tobias Moretti (Friedrich Hofreiter), Juliane Köhler (Genia, seine Frau), Eva Mattes (Anna Meinhold-Aigner, Schauspielerin), Gunther Eckes (Otto, ihr Sohn), August Zirner (Doktor von Aigner, ihr geschiedener Gatte), Barbara Melzl (Frau Wahl), Britta Hammelstein (Erna, ihre Tochter), Gerhard Peilstein (Natter, Bankier), Katharina Pichler (Adele, seine Frau), Markus Hering (Doktor Franz Mauer, Arzt), Shenja Lacher (Demeter Stanzides, Oberleutnant), Thomas Gräßle (Paul Kreindl).

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