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Ums Ausgeschlossensein von der Gemeinschaft geht es Regisseur Nicolas Charaux in seiner Inszenierung von Kafkas „Schloss“ am Münchner Volkstheater. Die Schauspieler übernehmen hierin alternierend die Rolle des Landvermessers K. (Jonathan Müller, li.) und der Dorfbewohner (Luise Kinner, Silas Breiding, Pola Jane O´Mara, Mehmet Sözer), die sich gerne zu einem pelzigen Rudel zusammenkauern.

Premierenkritik

Kafkas „Schloss“ im Volkstheater: Im Karussell der Zombies

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München - Nicolas Charaux inszenierte am Münchner Volkstheater „Das Schloss“ nach Franz Kafkas Romanfragment. Unsere Premierenkritik.

Das Leben ist nichts anderes als ein Karussell. Mal geht es linksrum, dann wieder in die Gegenrichtung; gerade noch gab es Momente lähmenden Stillstands und plötzlich droht man, hinausgeschleudert zu werden. Doch egal, ob Bewegung oder nicht: Ein Vorwärtskommen gibt es nicht. So geht es uns allen; so ergeht es auch Franz Kafkas Landvermesser K. in „Das Schloss“, dem dritten und letzten, postum veröffentlichten Romanfragment des Autors (1883-1924). Am Donnerstag hatte die Adaption des 1926 erstmals erschienenen, vielfach interpretierbaren Stoffs durch den französischen Regisseur Nicolas Charaux am Münchner Volkstheater Premiere. Und Pia Greven hat für K.s ausweglose Situation einen klugen Bau ersonnen.

Die Leidensgeschichte eines Außenseiters

So unerreichbar für den Landvermesser das Schloss ist, dessen Herrschaft ihn angeblich ins Dorf bestellt hat, so undurchsichtig für ihn die Abläufe in dieser monströsen Behörde sind, so abweisend wirkt die Bühne. Eine hohe, graue Kassettenwand ragt fast ganz vorne an der Rampe auf; lediglich in deren Mitte sind einige Fenster eingelassen. Sie gehören zu einem mehreckigen Raum mit Holzläden, der sich von den Schauspielern drehen lässt. Linksrum, dann wieder in die Gegenrichtung. Mal schneller, mal langsamer, mal gar nicht. So beliebig und vergeblich wie das Leben selbst.

Charaux, der sich im vergangenen Jahr mit der Inszenierung von Lars Noréns „Dämonen“ auf der kleinen Bühne des Hauses vorstellte, hat zusammen mit seinem Dramaturgen Nikolai Ulbricht eine kluge, konzentrierte, gut 100 Minuten lange Spielfassung des Kafka-Romans mit den wichtigsten Stationen von K.s Leidensgeschichte entwickelt. Konsequent folgt der 1982 geborene Franzose seiner Lesart des Textes, erzählt vom Ausgeschlossensein und dem unbedingten Wunsch des Außenseiters, von der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden, dazuzugehören.

Ein Dorf, in der die Kälte nicht nur vom Thermometer gemessen wird

Die Gemeinschaft – das ist im Volkstheater eine Mischung aus Strafkolonie und Zombie-Apokalypse. „The Walking Dead“ in Pelzmänteln, darunter tragen die Schauspieler grau-grüne Overalls. Kalkweiß sind ihre Gesichter geschminkt, schwarzumrandet ihre Augen. Menschenfreundlich ist das Leben in Kafkas winterlichem Dorf keinesfalls, in der Kälte, die nicht nur mit dem Thermometer gemessen werden kann, und unter der ständigen Beobachtung, dem permanenten Druck der Schlossbehörde. Vor allem, wenn sich die Bewohner zur Gruppe zusammendrängen, dazu zischeln, schnattern und knurren, entsteht durch die Pelzmäntel der Eindruck einer Horde Tiere.

Der Abend kennt keine feste Rollenzuweisung; jeder der acht Darsteller ist K., der so vergeblich wie verloren um einen Platz kämpft. Immer wieder werden die Figuren gedoppelt und gespiegelt, denn wenn jeder K. sein kann, so ist auch jeder eine der Figuren, die diesen daran hindern, in der Dorfgesellschaft anzukommen. Der Regisseur und sein spielfreudiges Ensemble haben dafür elegante Übergänge entwickelt.

Slapstick, Clownerie und komisch-wildes Körpertheater

Charaux hat „Das Schloss“ als Groteske inszeniert, mit gutem Gespür für Komik, die es auch bei Kafka gibt. Seine Schauspieler zitieren mit beeindruckender Körperbeherrschung expressive Stummfilmgesten ebenso wie Elemente aus Slapstick und Clownerie. Gewiss verliert die Geschichte durch ihre Bildgewalt die leise Bedrohlichkeit des Romans, das kaum fassbare Grauen, das durch die Vorlage schleicht – doch der Abend im Volkstheater gewinnt dadurch eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann.

Das liegt zudem an den hoch motivierten Darstellern, die präzise miteinander agieren. Einzelne hervorzuheben ist ungerecht. Und dennoch: Silas Breidings ADHS-Auftritt als Gemeindevorsteher ist komisch-wildes Körpertheater; Luise Kinner windet sich als Bote Barnabas in herrlich aalender Unterwürfigkeit; Pola Jane O’Mara erzählt allein mit ihren Augen ganze Stummfilm-Dramen und die stets souveräne Mara Widmann baut in ihrem Monolog als Verbindungssekretär Bürgel eindrucksvoll wagemutige Satzgebäude, die sie schließlich fulminant ins Bedeutungs-Nirwana reißt.

Währenddessen steht sie auf dem verlotterten Bühnenverschlag, der von ihren Schauspielkollegen immer schneller gedreht wird – bis einer nach dem anderen keuchend zusammenbricht. Nur den Worthülsen der Bürokratie kann das Karussell des Lebens nichts anhaben. Sie bleiben.

Langer, heftiger Applaus.

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