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Einst Häftling und KZ-Aufseherin: Elena Kelessidi als Martha und Michelle Breedt als Lisa (re.) auf dem Schiff nach Brasilien.

Premierenkritik: Oper „Die Passagierin"

München - Bei den Bregenzer Festspielen wurde Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ uraufgeführt. Eine Kritik zur Premiere, die das Publikum mit Standing Ovations gewürdigt hat.

Dann ist sie es also, die Ex-Gefangene? Oder doch nur eine gespenstisch ähnliche Frau, die eine frühere KZ-Aufseherin zum Geständnis treibt? Was das Stück vielsagend offenlässt, wird von Regisseur David Pountney entschieden: Zum Finale, Lebensbilanz und Täteranklage zugleich, kommt also Martha nach vorn an die Rampe. Haltung und Frisur ähneln nun jener Frau, der Minuten später die Standing Ovations des ergriffenen Publikums gelten: Autorin Zofia Posmysz, die in ihrem Roman und damit in der Opern-Vorlage Verarbeitung für etwas suchte, das sich kaum überwinden lässt. Und es ist das größte Glück für ihr Buch und für das Libretto von Alexander Medwedew, dass dieser ausweglos scheinende Versuch auf Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1996) traf.

Auf den polnischen Komponisten, dem die Bregenzer Festspiele heuer ihren Programmschwerpunkt widmen und dessen Oper „Die Passagierin“ nun im Festspielhaus ihre szenische Uraufführung erlebte. Denn all die Texte und Verweise auf Weinbergs Vorbild Schostakowitsch führen ja in die Irre: Wo Letzterer in schmerzhaft-wildem Expressionismus Bewältigungsarbeit leistet, geht Weinberg den Weg der Verinnerlichung, der Stilisierung, auch des Bruchstückhaften. Kein greller Naturalismus, keine pathetischen Muskelspiele (bis auf den großartigen Schluss) kennzeichnen also diese Musik, sondern ein Melos, das aus dem Gesang entwickelt ist und das die Stimme manchmal gar, instrumental „alleingelassen“ oder nur notdürftig von Akkorden gestützt, ins Leere laufen lässt.

Das Doppelbödige des Stücks - oben das weiße Schiffsdeck mit dem von der Vergangenheit eingeholten Paar Lisa/Walter, unten die weiblichen Auschwitzhäftlinge in ihren Holzkojen - spiegelt sich dabei in der Musik wider: Die Jazz-, Foxtrott- und Walzer-Tänze der Passagiere treiben die Auseinandersetzung Walter/Lisa in eine distanzierende Karikatur. Unten dagegen, in den bewegenden Liedern der Gefangenen, besonders in Marthas Solo, beherrscht eine kammermusikalische Poesie, ein vergebliches Aufglimmen von Utopie die Atmosphäre.

Nur folgerichtig also, dass am Ende, wenn Marthas KZ-Freund Tadeusz vom Kommandanten zum Geigenspiel genötigt wird, es zum Kampf der Musikgenres kommt: Statt des beim SS-Mann so beliebten Haudrauf-Walzers spielt Tadeusz Bachs Chaconne - die das Orchester sieghaft und zur Wut der Besatzer ins Triumphale steigert.

Nicht Abbild und Untermalung des Geschehens ist also Weinbergs Musik, sondern eine subtile Weiterführung bis zum bösen Mini-Fugato über das berühmte Thema aus Beethovens Fünfter. Übervorsichtig fasst seine Partitur die Vorlage an. Und ebenso behutsam nähert sich der Bregenzer Chef David Pountney mit Johan Engels (Bühne) und Marie-Jeanne Lecca (Kostüme) der Oper. Das Versatzstückhafte wird auch hier zum Programm: oben die Andeutung eines Schiffsdecks, an den Rändern Scheinwerfertürme, unten die Schlafstätten der Frauen und Waggons, auf einem ein Männerchor, der mit düsterem Gesang das Geschehen kommentiert.

Als ob Weinberg diese Solisten einst vorausgeahnt hat, so gestalten sie ihre Partien: Elena Kelessidi als Martha mit feinherber, intensiv erfüllter Lyrik, Michelle Breedt als nie überzeichnende Lisa, Roberto Saccà als Walter mit der Präsenz des herausragenden Charakterdarstellers, vor allem auch Talia Or (Ivette), der Weinberg das vielleicht schönste Solo gönnte. Temperamentvoll, straff, mit viel Körpereinsatz, aber auch mit Sinn für die feinen Momente lotste Teodor Currentzis die Wiener Symphoniker - die, aber das mag dem Ensemble eigen sein, fast zu schön, zu klangvoll spielten.

Ob sich überhaupt eine andere Umsetzung des Stoffes denken ließe? Diese Bregenzer Aufführung besticht ja gerade in ihrer Angemessen- und Bescheidenheit. Im Vorsatz auch, trotz aller Vorlage-Härten nicht harsch zu konfrontieren, sondern zum Mitdenken einzuladen. Warschau, London und Madrid werden die Produktion übernehmen. Was in der Reihe fehlt: ein deutsches Opernhaus.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 26., 28., 31. Juli;

Telefon 0043/ 5574/ 4076.

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