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Eine Ausgestoßene, die in den Tod getrieben wird: Szene aus Johannes Reitmeiers Inszenierung mit (v.li.) Susanna von der Burg, Roman Payer, Marc Kugel und Susann Hagel.

Premierenkritik

So ist die Oper "Mara" im Tiroler Landestheater

Einst wurde der Komponist Josef Netzer, ein gebürtiger Tiroler, viel gespielt. Doch der Frühromantiker ist heute fast vergessen – zu Unrecht: Das Tiroler Landestheater in Innsbruck hat seine Oper „Mara“ wiederentdeckt und zur Premiere gebracht. Eine bemerkenswerte Großtat.

Manchmal liegt das Gute so nah. Quasi nebenan zum Beispiel, im Tiroler Landesmuseum. Dort gibt es eine Partitur, von Josef Netzer in fein säuberlicher Handschrift notiert, und einen Klavierauszug. Man muss von der Oper „Mara“ einfach nur erfahren, so wie der Innsbrucker Intendant Johannes Reitmeier auf seiner Spurensuche nach „einheimischen“ Stücken. Netzer? Nie gehört? Dabei war er, der 1808 im Tiroler Zams geboren wurde und 1864 in Graz starb, keine kleine Nummer in der Frühromantik. Kapellmeister in Wien, Leipzig und Graz, Dirigent der ersten österreichischen Wagner-Aufführung („Tannhäuser“ 1854 in Graz), bekannt mit Grillparzer, Metternich, Lortzing und Meyerbeer. Diese Kontakte waren Gold wert, im Doppelsinn: Dank der Fürsprecher wurden Netzers Werke auch gespielt – „Mara“, uraufgeführt 1841 in Wien, dort gleich 13 Mal, später auch in Prag und Berlin.

Netzer mag mit Lortzing in Leipzig am selben Theater gearbeitet haben, sein Œuvre speist sich allerdings auch aus anderen Quellen. Da schlägt eben der „Südländer“ durch: In „Mara“ findet sich deutsche Singspiel- und Schauerromantik, aber ebenso viel Italianità. Die Innsbrucker Aufführung macht diesen Alpen-Belcanto sehr hörbar. Schon in der Ouvertüre, dicht und farbsatt, dennoch ökonomiebewusst instrumentiert: So, wie Dirigent Alexander Rumpf hier sein Tiroler Symphonieorchester anstachelt (aber nie krachen lässt), wird klar, warum das Stück ausgekoppelt und gern im Konzert gespielt wurde.

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Auch die Gesangspartien sind Zwitter. Für den unglücklich liebenden Manuel braucht es einen leichtgängigen Heldentenor à la „Freischütz“-Max (Roman Payer ist dafür eine hervorragende Wahl), die Titelheldin verlangt nach einer raumgreifenden Sopranstimme, die Netzer gemeinerweise noch auf Verzierungs-Parcours schickt. Susann Hagel nimmt hier mit Silbersüße und kluger Kontrolle für sich ein, doch ist die Rolle eine Spur zu klein besetzt. Am meisten sahnt Armin Kolarczyk als Maras „Häuptling“ ab, seinem belastbaren, stechenden Bariton steht die Partie perfekt. Marc Kugel ließ sich als Cornaro entschuldigen, zu hören war davon nichts. Susanna von der Burg wertete die Mara-Konkurrentin Ines erheblich auf. Viele starke Stellen finden sich in dem dreiaktigen Zweistünder. Neben der Ouvertüre sind das vor allem die großen Ensembles. Netzer gibt da den gewieften Instrumentierer, der Sing- und Instrumentalstimmen gut verzahnt, der aber vor allem dramatische Kulminationspunkte wirkungsbewusst ausspielt.

Überdies ist er ein ausgesprochener Melodiker. Doch statt sich auf seinen schönen Erfindungen auszuruhen, werden Arien und Duette oft abgebrochen und münden in die nächste Situation. Es gibt eben Wichtigeres als Süffigkeit, zum Beispiel dramatische Entwicklung. Man ahnt allerdings auch, warum Netzer irgendwann durchs Raster der Musikhistorie fiel: Alle Melodien haben das Gefälligkeitszertifikat und finden mühelos den Weg in die Gehörgänge – doch so richtig haften bleibt dort eigentlich keine.

Fast ohne typisches Klangkolorit

Dass Netzer seine (heute politisch inkorrekte) „Zigeuner-Oper“ fast ohne typisches Klangkolorit schrieb, ehrt ihn eher. Und brachte den regieführenden Intendanten Johannes Reitmeier mit seinem Team Michael D. Zimmermann (Bühne) und Gregor Pirouzi (Kostüme) auf die gute Idee, Maras Welt ganz woanders anzusiedeln. Das fahrende Volk gehört hier zum Zirkus. Zu einem merkwürdigen freilich: Schwarz-weiß ist alles, nur ein paar rote Einsprengsel gibt es. Eine Albtraumwelt, eher Vision und Zitat denn Realität. Und damit auch ein Problem: Wo die Figuren schon bei Josef Netzer und seinem Librettisten Otto Prechtler übers Formelhafte und Stereotype nicht hinauskommen, wird das durch solch Stilisierung noch verstärkt, Themen wie Toleranz und Vorurteil werden allenfalls gestreift.

Die Innsbrucker betreiben ihre Reanimation, eine Großtat, mit erheblichem Aufwand. Nicht nur, dass komplett neues Notenmaterial erstellt werden musste und jeder Beteiligte in eine Art Uraufführungsstress geriet. Wenn schon eine solche Anstrengung, das dürften sich Reitmeier & Co. gedacht haben, dann muss man das der Produktion auch ansehen. Eine Inszenierung also mit hohen Schauwerten und aufwändigen Kostümierungen. Die Maschinerie inklusive schnellen Verwandlungen, Zwischenvorhängen und häufigen Lichtwechseln wird fleißig bedient. Im dritten Akt geht dem Abend jedoch die Luft aus. Das liegt allerdings auch an Josef Netzer, der mit Gewitter, Schock, Schrecken, Ach und Weh zu keinem rechten Ende findet. Der „Mara“-Mann ist da in guter Gesellschaft – an solch Wehwechen krankten schon Donizetti und Bellini.

Weitere Vorstellungen:

13., 19.12. sowie 8., 12. und 19.1.;

Telefon 0043/ 512/ 52 07 44

Die Besetzung

Dirigent: Alexander Rumpf.

Regie: Johannes Reitmeier.

Bühne: Michael D. Zimmermann.

Kostüme: Gregor Pirouzi & Vivienne Westwood Vienna.

Chor: Michel Roberge

Darsteller: Susann Hagel (Mara), Susanna von der Burg (Ines), Roman Payer (Manuel), Marc Kugel (Cornaro), Armin Kolarczyk (Torald).

Die Handlung

Zigeunerin Mara liebt Manuel, den Sohn eines Großgrundbesitzers. Doch sowohl Torald, das Oberhaupt von Maras Gemeinschaft, als auch Manuels Vater Cornaro sind gegen diese nicht standesgemäße Beziehung. Cornaro will Manuel mit der reichen Ines verheiraten. Der Sohn fügt sich resigniert in sein Schicksal. Torald übergibt Mara einen fingierten Abschiedsbrief Manuels und Geld, mit dem sie angeblich abgefunden wird. Mara verflucht Cornaros Haus und bringt sich um.

Von Markus Thiel

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