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Sibylla Duffe als Eurydike

Premierenkritik: „Orpheus in der Unterwelt“

München - Johanna Schall inszenierte am Gärtnerplatztheater Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“. Die Premierenkritik.

Die Besetzung

Dirigent: Andreas Kowalewitz.

Regie: Johanna Schall.

Bühne: Horst Vogelgesang.

Kostüme: Jenny Schall.

Choreographie: Romy Hochbaum.

Chöre: Jörn Hinnerk Andresen.

Darsteller: Cornel Frey (Orpheus), Sibylla Duffe (Eurydike), Dirk Lohr (Jupiter), Mario Podre(c)nik (Pluto), Marianne Larsen (Öffentliche Meinung), Ann-Katrin Naidu (Juno), Katja Stuber (Diana), Christoph Kayser (Merkur), Stefanie Kunschke (Cupido), Frances Lucey (Venus), Gunter Sonneson (Styx) u.a.

Exakt 17 Figuren sind es laut Programmzettel, die singend und sprechend beteiligt sind, exklusive acht namenloser Furien. Doch eine entscheidende? Trägt Anzugzivil und grauen Bart ums Lächeln – und fehlt auf der Liste, obgleich sie doch fast die lustigsten Momente liefert. Von klemmenden Scheinwerferklappen redet Intendant Ulrich Peters nach der überlangen Pause vor dem Vorhang. Dass man sich während der Reparatur doch noch mit dem Nachbarn über den Abend austauschen könnte. Und überhaupt: Wäre schließlich schade, wenn die Bühne im zweiten Teil dunkel bliebe.

Über Letzteres müsste man aus der Rückschau diskutieren. Obwohl: Jacques Offenbach, besonders sein größter Hit „Orpheus in der Unterwelt“, gehört natürlich an den Gärtnerplatz. Vorausgesetzt, man kommt bei der Realisierung über bloße Pflichterfüllung hinaus. Denn ungewollt kündet diese Premiere von zweierlei: dass die bissige Schwester der Wiener Sahnestücke zahnlos wird, wenn sie in harmloser Munterkeit steckenbleibt. Und, was gern vergessen wird: dass Offenbachs Couplets nicht unbedingt jeder Stimme stehen.

Doch Regisseurin Johanna Schall, Enkelin Bertolt Brechts, wuchtet fast den „Director’s Cut“ auf die Bühne – inklusive der meisten Solo-Nummern und aufgeplustert zum Dreistünder. Die Standard-Übersetzung kam dereinst schon Anneliese Rothenberger und Theo Lingen über die Lippen. Ein paar zusätzliche Textbrocken des 21. Jahrhunderts gibt es zwar. Doch die holen Offenbach noch lange nicht ins Heute. Die Obrigkeitskritik samt Lästerlichem, die er einst als Bömbchen zündete: Hier verpufft sie meist als Knallfrosch. Immerhin ist Horst Vogelgesangs Szene anfangs, mit ihrer Theater-auf-dem-Theater, ein Versprechen. Doch dann entern die Götter, die eben noch im Parkett schlummerten, ihr Bühnen-Domizil zwischen antiken Säulen, später geifert Plutos Personal zwischen trutzig aufragenden Höllenpfeilern: ein mächtig aufgeputztes Kostümfest (Jenny Schall), das visuell und inhaltlich als mäßige Karnevalssitzung durchgeht.

Die Handlung

Orpheus und Eurydike haben sich ziemlich auseinander gelebt. Sie interessiert sich für den Nachbarn Aristeus, hinter dem sich Pluto verbirgt und der Eurydike in seine Unterwelt entführt. Orpheus findet das gar nicht so übel – bis die personifizierte „Öffentliche Meinung“ ihn dazu drängt, seinen guten Ruf zu wahren. Also wendet sich Orpheus an Göttervater Jupiter. Der alte Schwerenöter macht sich seinerseits in Gestalt einer Fliege an Eurydike heran. Orpheus erhält zwar von Pluto die Chance, Eurydike zurückzuholen, scheitert aber. So bleibt nur Eurydikes Aufnahme in den Chor des Gottes Bacchus.

Gesprochen wird im grellen Operettenklischeeton. Und wenn sogar Erzkomödiantin Marianne Larsen als mit Zeitungspapier umwickelte „Öffentliche Meinung“ um Pointen ringt, herrscht Alarmstufe Rot an Münchens selbst erklärter Opéra comique. Vor allem weil der Abend auch noch choreographisch hinkt inklusive des sonst immer funktionierenden Hits: Offenbachs höllischer Can-Can ist nur ein Rampentänzchen, das vorbei ist, bevor es richtig registriert werden kann.

Dabei lässt das Haus die ersten Kräfte aufmarschieren: Sybilla Duffe ist eine höhenstarke Eurydike am Rande des Nervenzusammenbruchs, Mario Podre(c)nik ein Macho-Pluto in rotem Leder, Dirk Lohr als Jupiter ein passender Senioren-Lüstling, Ann-Katrin Naidu eine herbe, energische Juno und Katja Stuber als Diana mit Naturkomik die Sopransiegerin des Abends.

An zwei Solisten zeigt sich Johanna Schalls Ressourcenverschwendung: Aus Cornel Frey, als Tenor ohnehin ideal besetzt, hätte man noch mehr Kostproben seines bizarren Humors herauskitzeln können. Und der zartbittere Witz von Gunter Sonnesons Styx, der in die Wut eines Unverstandenen umschlagen kann, bleibt nur eine Humor-Insel in Schalls Regie.

Doch dann konzentriert man sich auf den Graben, wo ein Mann steht, der Hintergründigkeiten à la francaise traumsicher erfühlt. Dirigent Andreas Kowalewitz lässt ein Gärtnerplatz-Orchester in Bestform keine Sekunde Gefühligkeit verbreiten. Straff tönt sein Offenbach, geschärft, wendig, auch angriffslustig und stets mit jenem Al-secco-Klang, der dem Meister seinerzeit vorgeschwebt haben muss. Für ihn zu Recht Jubel, der im Angesicht des Regieteams erkaltete. Wenigstens ist man dem Stück mal wieder begegnet.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen 20., 23. 2. sowie 3., 12., 30. 3.; Telefon 089/ 2185-1960.

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