Die Eltern sind aus dem haus und schon schwebt Peter pan (Russel Lepley, 2.v.re.) herein. Die Geschwister Wendy (Sandra Salietti), Michael (Matteo Carvone) und John (Javier Ubell, v.li.) haben ihren Spaß mit dem abenteuerlustigen Kerl.

Premierenkritik 

Peter Pan im Cuvilliéstheater: Getümmel im Nimmerland

  • schließen

München - Im Cuvilliestheater wird derzeit eine Produktion des Münchner Gärtnerplatztheaters gezeigt: „Peter Pan“ als Ballettmärchen von Emanuele Soavi. So war die Premiere.

Mal ganz neutral gefragt: Haben Kinder heute, die mit Tablets, Smartphone und knallharten Videospielen aufwachsen, noch Interesse an altmodischen Indianerspielen wie „Peter Pan“? Aber gut, das Zeitkolorit ist nicht das Wesentliche in James Matthew Barries 1904 uraufgeführtem Theaterstück. Sein Protagonist will nicht erwachsen werden – ein zeitunabhängiges, in der Psychoanalyse als „Peter-Pan-Syndrom“ bezeichnetes Phänomen. Da schon alle Facetten des kindlichen Helden von Film bis Musical, Oper, Hörspiel und Comic ausgeleuchtet wurden, war man gespannt auf Emanuele Soavis Ballettmärchen – nach „Peter und der Wolf“ seine zweite Kreation fürs Münchner Gärtnerplatz-Tanzensemble – im Ausweichquartier Cuvilliéstheater.

Aus dem Graben klingt es schon mal sehr schön, spielerisch-lyrisch bei Feen-Geflatter und märchenschaurig bei Piratenkämpfen. Komponist Han Otten, der hörbar aus dem Filmbereich kommt, aber auch für Tanztheater arbeitet (für Jiři Kyliáns Staatsballett-Kreation „Zugvögel“), hat atmosphärisch genau auf die Handlung hin geschrieben, im Hinterkopf auch die jungen Zuschauer ab sechs Jahren. Und die müssten sich gleich angesprochen fühlen, von dem, was nun bei Familie Darling abgeht. Die Wände des Kinderschlafzimmers sind schon wie im Traum leicht aus der Senkrechten gekippt. Die Hunde Nana und Lisa, Ersatz fürs Kindermädchen, haben zwar bereits Wendy, John und Michael sorgsam zugedeckt. Aber das Trio, kein bisschen müde, nutzt die Matratzen als Trampolin für Kissenschlachten. Bis Peter Pan – Russell Lepley wie aus dem Bilderbuch – durchs Fenster herein schwebt; die drei sind wie gebannt. Bestaunen ihn bei seinem moriskenartigen Tanz mit seinem Schatten, der sich auch noch zum Gruppen-Ballett vervielfältigt. Und Wendy wagt mit Tinkerbell ein Tänzchen, in dem beide lustvoll ihre schlaksigen Arme und Beine in alle Richtungen flippen lassen.

Soavi setzt, was der Geschichte so gemäß ist, neben eingeflochtenen zeitgenössisch freien Gesten pointiert auf natürliche Bewegung, so wie sie Kinder mit ihrer Fantasie selbst erfinden können. Und wartet mit hübschen Ideen auf: herzig die beiden identischen Hunde-Damen in ihren synchronen Putz- und Tanz-Duetten; höchst komisch Mr. Darling, der sich mitsamt Gattin in seine surreal verlängerte Krawatte verwickelt – ein Bild des selbst auferlegten Etiketten-Zwangs der Erwachsenen. Schließlich folgen die drei Kinder abenteuerlustig ihrem neuen Idol Peter Pan, genau wie er hoch oben balancierend an und auf großen Trapezringen nach Nimmerland – diese Insel der Sorglosigkeit, wo man ewig Kind bleiben, ewig spielen darf.

Bis dahin lässt man sich ganz und gerne in das Geschehen hineinziehen. Im zweiten szenisch überbordenden Teil hat sich Soavi, ähnlich wie Steven Spielberg in seiner Film-Version „Hook“ von 1991, an der Vorlage festgebissen. In Nimmerland, einer bizarren Szenerie zwischen Schiffsdeck und aufgelassener Lagerhalle, prasselt es nur so von Abenteuern und Ereignissen: Indianertänze, Kapitän Hook mit Handlanger Smee im Verschwörungs-Pas de deux, das auf Hook heißhungrige Krokodil; Wendy erschossen, Tinkerbell erwürgt, beide wieder ins Leben gerufen; plötzlich sich öffnende Duschen und nicht nur Meerjungfrauen, die auf der gefluteten Bühne herumglitschen, sondern auch bald das gesamte Peter-Pan-Personal. Erbarmen!

Das Tanzensemble gibt dabei alles. Aber will Emanuele Soavi uns außer der Material- und Glieder-Schlacht noch etwas mit auf den Weg geben? Zurück im Haus der Darlings, schlüpft Peter Pan zusammen mit den Kindern unter die Bettdecke. Hat er sich hier, anders als bei James Matthew Barrie, zum Erwachsenwerden bekehren lassen? Der Schluss bleibt unbefriedigend unklar.

Bis 10. Mai, Freitag um 18 Uhr, Sa. und So. um 18 Uhr. Di. um 10.30 Uhr. Karten unter: 089/ 21 85 19 60.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Countertenor Xavier Sabata: „Wir sind keine Engel“
Augsburg - Nur mit Barockmusik gibt sich Countertenor Xavier Sabata nicht zufrieden - auch wenn er auf seiner aktuellen CD „Catharsis“ dieses Repertoire bedient. In …
Countertenor Xavier Sabata: „Wir sind keine Engel“
Villazóns zweiter Roman: Der will nur spielen
Mit dem Singen läuft es seit einiger Zeit etwas suboptimal. Doch Rolando Villazón hat sich andere Betätigungsfelder gesucht - als Regisseur und als Autor. Gerade ist …
Villazóns zweiter Roman: Der will nur spielen
Mighty-Oaks: Botschafter der Musik
Oaks schoss mit einer fröhlichen Mischung aus Folk, Country und Rock auf Platz eins der hiesigen Charts. Umso überraschter waren die Fans, als sie erfuhren, dass die …
Mighty-Oaks: Botschafter der Musik
Prince: So klingt das Mini-Album „Deliverance“
Zum ersten Todestag sollten unbekannte Lieder von Prince erscheinen – ein US-Gericht stoppte die Veröffentlichung. Verlierer sind die Fans – denn „Deliverance“ ist …
Prince: So klingt das Mini-Album „Deliverance“

Kommentare