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Bis das Animalische durchbricht: Szene mit (v.li.) Carolin Hartmann, Paul Behren, Timocin Ziegler, Tamara Theisen und Jonathan Müller.

Premierenkritik

"Katzelmacher" im Volkstheater: Schablonen aus der Vorort-Hölle

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München - Abdullah Kenan Karacas überzeugende Inszenierung von Fassbinders „Katzelmacher“ am Münchner Volkstheater.

Die Hölle ist lieblich, mit wohlgewachsenen Bäumen, Blumen, etwas Schilf und einem Truthahnpaar. Ansonsten ist sie wüst und so gähnend leer wie die menschlichen Silhouetten, die Marlene Lockemann in ihr putziges Bühnenbild gesägt hat. Hineingepresst in diese Schablonen stehen die sechs jungen Leute in Abdullah Kenan Karacas Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ am Münchner Volkstheater. Zwar ist Bewegung in diesen Körpergefängnissen kaum möglich, dafür geben die ausgestanzten Umrisse scheinbar Sicherheit. Die Figuren überreißen freilich weder das eine noch das andere: „Ein Weiterkommen, das ist schon wichtig“, stellt Helga in Verkennung ihrer Lage zu Beginn fest.

Die Produktion ist Karacas Abschlussarbeit an der Hamburger Theaterakademie und wurde jetzt ins Volkstheater-Repertoire übernommen. Hier feierte der gut 75 Minuten lange Abend am Freitag Premiere. Der Regisseur hat einen überzeugenden ästhetischen Zugriff auf das Stück gefunden, dessen Uraufführung Fassbinder (1945–1982) am Münchner Action-Theater 1968 selbst inszenierte. Ein Jahr später gelang ihm mit der Leinwandadaption des Stoffs der Durchbruch: Der Schwarz-Weiß-Film wurde beim Bundesfilmpreis in fünf Kategorien ausgezeichnet, darunter für den besten Film und das beste Drehbuch.

„Katzelmacher“ ist eine mitunter quälende Studie über Ziel- und Hoffnungslosigkeit, über die innere Leere der Menschen in einer Vorort-Hölle: junge Erwachsene, die darauf warten, dass das Leben losgeht – aber nicht bereit sind, dafür ihre Hintern zu bewegen. Als ein griechischer Gastarbeiter ankommt, hat die Gruppe endlich einen, an dem sich alles entladen kann. Während die Frauen den „Katzelmacher“ erotisch auf den Sockel stellen und angeiern, treten die Männer ihn buchstäblich in den Dreck. Mindestens ebenso wichtig wie die ausländerfeindliche Attacke am Ende ist Fassbinder jedoch das Aufzeigen der schwelenden Aggressivität und des brutalen Potenzials, das der Orientierungslosigkeit innewohnt. Das macht sein Stück zeitlos. Eine Inszenierung kann daher heute noch spannend sein – vor allem, da Karaca selbstbewusst genug ist, um in seiner genau gearbeiteten Produktion eben nicht den naheliegenden Bogen zu Pegida und Flüchtlingshass zu schlagen. Vielmehr begegnet er dem Artifiziellen in Fassbinders Stück souverän mit seiner eigenen Künstlichkeit. Das Ensemble stellt dabei die Lakonie und Härte des Textes gekonnt aus, spricht mitunter so entschleunigt wie die Tonspur, die Tom Wörndls Musik immer mehr verschleppt. Emotionen sind in dieser Welt so falsch und abwaschbar wie das Latex der an Tracht erinnernden Kostüme und wie die Spielzeug-Natur auf dem Bühnenbild. Liebe, Glück, ach was: das Leben an sich bleiben hier Behauptung. „Was ich brauche, ist einen Menschen, kalt und grausam wie ich“, sagt Mara Widmanns Elisabeth einmal.

Was sie bekommt, ist einen jungen Mann aus Griechenland, den Timocin Ziegler angenehm unaufgeregt spielt. Mit Ankunft des Gastarbeiters bricht der Alltag der Gruppe auf – so, wie die beiden Hälften des Bühnenbilds auseinandergeschoben werden und endlich einen kleinen Blick auf die unbekannte Welt dahinter erlauben. Der Fremde macht zunächst einmal nichts, ist einfach nur da. Doch das reicht vollkommen, um das Animalische im Menschen, das bis dato in die Unterbühne verbannt war, an die Oberfläche zu holen. Langer Applaus.

Nächste Vorstellungen heute sowie am 17., 18. und 22. März; Telefon 089/ 523 46 55.

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