Sie tragen die Idee mit Leidenschaft: Sibylla Flügge, Anna Gilsbach, Christian Spremberg, Alon Kraus, Matthias Hageböck und Volkan Terror (v. li.). Welz

An den Kammerspielen

Premierenkritik: Rimini Protokolls "Mein Kampf" 

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München- Das Projekt „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“ von Rimini Protokoll hatte an den Kammerspielen Premiere. Der neue Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal bietet München damit ein herausragendes Theater-Werk.

Sie hat als 14-Jährige „Mein Kampf“ gründlich gelesen, daraus einen Auszug erstellt und die ordentlich getippten, notdürftig gehefteten Blätter Weihnachten 1965 ihrer Mama geschenkt. Heute steht Sibylla Flügge, Juraprofessorin in Frankfurt, mit diesem Heft auf der Bühne des Münchner Schauspielhauses. Sie gibt dem Stück „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“ ganz zu Anfang den ersten, guten Schwung. Mit dem schaukeln ihre Mitstreiter Anna Gilsbach (Juristin mit Schwerpunkt Völkerrecht), Matthias Hageböck (Buchrestaurator in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Weimar), Alon Kraus (Rechtsanwalt für Zivil- und Wirtschaftsrecht in Israel), Christian Spremberg (Brailleschrift-Redaktion) sowie Musiker und Mitbegründer des Musikverlags „Endzeit Industry“ Volkan Terror ihren Genuss, ihre Spielfreude und auch die Premierenaufregung kräftig hoch.

Das Team Rimini Protokoll, also Helgard Haug und Daniel Wetzel, hat zusammen mit Dramaturg und Rechercheur Sebastian Brünger erneut bewiesen, dass es nicht nur Gespür für die richtigen Themen hat, sondern noch viel mehr für die richtigen Menschen. Ohne die kluge, feinfühlige Auswahl dieser sechs wäre das Konzept nicht tragfähig, schon gar nicht bühnentauglich. Obwohl das Projekt „Adolf Hitler: Mein Kampf“ bereits am 3. September beim Kunstfest Weimar herauskam und eine Koproduktion von vielen Theatern ist, kann der neue Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal stolz sein, München, der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, jetzt ein herausragendes Theater-Werk bieten zu können.

Das Bühnenbild- und Video-Duo Marc Jungreithmeier und Grit Schuster öffneten die Bühne bis in die Kulissenschächte und bauten aus Möbelmüll mächtige Schrankwände. In denen werden naturgemäß Bücher rumgeräumt, die Kästen-Kombi dient als Projektionsfläche, etwa wenn Historiker Moshe Zimmermann filmisch auftritt, und am Ende schließen sich die Wände als Buchdeckel samt -rücken zum Wälzer „Mein Kampf“. In diesem Umfeld entwickelt sich das Pingpong-Spiel der Erlebnisse mit dem Buch, der Eindrücke, der Hintergründe und Inhalte. Wissen und Gefühle, Sichtweisen und Urteile werden so hurtig ins Publikum versprüht, dass man gar nicht alles mitkriegen kann.

Diese Strategie und die persönliche Leidenschaft der sechs Spieler für das Thema verhindern Langeweile; dennoch sind die zweieinviertel Stunden ein bissl zu überfrachtet. „Langweilig“ ist ja neben dem Faktum, dass „Mein Kampf“ eine bedrückene Hetzschrift ist, das Verdikt, das am häufigsten bei Hitlers Opus fällt. Viele der Bühnen-Mitstreiter wenden sich dagegen, denn daraus lerne man vor allem, wie Propagandatechniken funktionieren. Und am Ende des Abends verankern die sechs genau diese Tricks im Heute, beweisen, wie deutlich die aktuellen Anti-Politiker-, Anti-Presse-, Anti-Fremden-Floskeln aus Hitlers Phrasendreschmaschine kommen. Überhaupt zieht das Team weite Kreise – weil „Mein Kampf“ überall auf der Welt existiert. Terror, der für passende Klangspielereien inklusive Rap sorgt, holt sich einige Lacher – übrigens wird öfters gekichert – mit einer türkischen Manga-Version, die die AH-Biografie ausbreitet und den Judenmord eindampft. Am spannendsten ist das Feuer, mit dem sich Kraus für „Mein Kampf“ einsetzt. Wie im Rausch habe er als Student das Buch gelesen und damit seine eigene Schreibblockade gelöst. Er genießt es, mit ihm zu provozieren, und will, dass möglichst jeder (Deutsche) die Hitler-Bände liest.

Um ihren Themen-Wirbel ein wenig zu strukturieren, nutzen die sechs das Alphabet-Spiel, und das geht von J wie Jerusalem bis Z wie Zersetzung, von M wie Meinungsbild bis S wie Stolz. Für eine sanft neutralisierende Lesung der Hitler-Zitate sorgt Spremberg, der als Blinder aus „Mein Kampf“ in Brailleschrift vorträgt und nur einmal den typischen Hitler-Beller gibt. Solch Verfremdungen werden dann wiederum bezogen auf Satiriker – Einspielung von QualtingerTon –, auf das Buch an sich (Hageböck verschmitzt über Pracht- oder Hochzeitsausgaben) oder auf Wissenschaftler. So erklärt Historiker Othmar Plöckinger per Video, dass Hitlers Text überhaupt nichts Besonderes und Neues gewesen sei, sondern ganz der üblichen völkischen Literatur der Zwanzigerjahre folge.

Daneben werden von Gilsbach juristische Fragestellungen verständlich erläutert: Denn was soll passieren mit dem Wälzer? Das Urheberrecht läuft im Januar 2016 aus. Auch auf diese Frage gibt das Rimini-Protokoll-Projekt keine Antwort. Und das ist das Beste an deren Arbeit. Das Allerbeste ist aber der Respekt vor den Menschen. Den beweisen Haug und Wetzel  zuvörderst im Umgang mit den Spielern auf der Bühne. Das unterscheidet das Duo von vielen „normalen“ Regisseuren. Und das merkt der Zuschauer der Aufführung an.

Herzlicher, erstaunlich kurzer Applaus.

Nächste Vorstellungen am 31. Oktober, 1., 28. und 29. November; Karten unter Tel. 089/ 23 39 66 00.

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