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Gesellschaft und Gewalt: Kurze Kampfpause in „Roberto Zucco“ mit (von links oben) Barbara Romaner, Lenja Schultze, Oliver Möller, Constanze Wächter und (unten) Moritz Bock, Pascal Riedel, Xenia Tiling sowie Leon Pfannenmüller in der Titelrolle.

Premierenkritik

"Roberto Zucco": Die Mörder-Gesellschaft

München - Milo(s) Loli(´c) inszenierte für das Münchner Volkstheater Bernard-Marie Koltès’ Stück „Roberto Zucco“. Die Premierenkritik.

Es war einmal ein junger Regisseur, der lernte bei einem großen Meister an einem berühmten Theater und durfte dort bald viele Inszenierungen selber machen. Eine davon handelte von dem bösen Buben „Roberto Zucco“. Heute ist der Lehrling selbst ein großer Meister – und Intendant am Münchner Volkstheater: Christian Stückl. Jetzt fördert er den Regie-Nachwuchs. Bernard-Marie Koltès’ Stück, das er 1995 an den Kammerspielen mit Jens Harzer in der Titelrolle herausgebracht hatte, durfte nun Miloš Loli´c für das Theater an der Brienner Straße gestalten.

Der stellte sich ein Baugerüst auf die Bühne, frontal zum Zuschauerraum. An und auf ihm versammeln sich anfangs alle Schauspieler in Schlabber-Trainingshosen und T-Shirts (Kostüme: Yvonne Kalles). Umkreist werden sie in stetigen Bahnen vom nackten Roberto – „dreh dich nicht um, der Fuchs geht um“. Obwohl er im Gefängnis sitzt – und gleich ausbrechen wird –, sind doch sie seine Gefangenen, Gefangene der Angst. Loli´c, der ja schon mit seiner Inszenierung von García Lorcas „Bluthochzeit“ positiv auffiel, findet hier ein kluges Bild. Es setzt einen Akzent, spektakelt aber nicht unnötig herum. Solche ruhigen Stilisierungen geben der Aufführung (neben dem äußeren) ein inneres Gerüst, das die jungen, zum Teil noch unerfahrenen Schauspieler stützt. Solche Konstruktionen dürfen allerdings nur die erste Stufe der Arbeit sein. Regisseur und Schauspieler müssen genauso die Stufe der ausgefeilten Textanalyse anstreben – dann wird vieles für die Zuschauer verständlicher; die Stufe des sensibel aufeinander hörenden Zusammenspiels – dann wird vieles fürs Publikum gefühlsmäßig verständlicher; und die Stufe der fein schattierten Modulation des (inneren) Monologs. Da hat Loli´c seine Künstlertruppe zu sehr alleingelassen.

Am schlimmsten wirkt sich das auf Leon Pfannenmüller aus, der die Figur des Roberto Zucco formen muss. Jenen Mörder, der zwischen Herzenskälte, Lebensangst, seltsamer Sehnsucht und abgrundtiefer Dummheit angelegt ist. Mit diesen heftigen Pendelausschlägen hat Koltès ebenfalls sein sprachlich auf hohen, aber schräg-poetischen Stilettos tänzelndes Drama (Übersetzung: Simon Werle) versehen. In dieser Welt reden die Menschen meist in Statement-Monologen und selten vernünftig miteinander. Das Hauptkommunikationsmittel ist Brutalität, ob offen oder seelisch. Roberto Zucco ist das manifeste Sinnbild dieser Gesellschaft, das auf sie zurückschlägt. Bei diesem literarischen Konstrukt – gewissermaßen ein Schau-, kein Erklärbild – muss jede Inszenierung aufpassen, den Mörder nicht als Opfer zu psychologisieren. Das gelingt Loli´c und Pfannenmüller nur bedingt. Dafür ist der Schauspieler zu sympathisch, zu harmlos und kann zu wenig die stählerne Spannung dieses Gewalttäters aufbauen.

Und die Regie ist in sich zerrissen. Sie möchte einerseits die Koltès’sche Welthaltigkeit bedienen, andererseits doch zeigen, warum Zucco so wurde, wie er ist. Das Geheimnis des Stücks soll gewahrt und gleichzeitig gelüftet werden. Da das unmöglich ist, verstolpert sich die Regie und wurstelt sich – durchaus auch mit schönen Episoden und sehenswerten Einfällen – dem Ende (mit einer netten, aber abstrusen Schamanen-Schau) zu. Zu jenen Einfällen zählen die Dreiecksplatten, die ans Gerüst geklemmt, unseren Globus bedeuten: von der Fichte bis zur Schlangenhaut, von der Landkarte bis zum Möbel, von indischer Malerei bis zu Caravaggios „Ungläubigem Thomas“. Auf der Spitze dieses zusammengestückelten Natur- und Zivilisationsdreiecks steht, warum auch immer, am Ende Zucco – und stürzt nicht ab wie bei Koltès, sondern klettert in den Bühnenhimmel.

Wie man wirklich in den Bühnenhimmel kommt, zeigt aber nicht Pfannenmüller, sondern ein guter Bekannter aus dem ehemaligen Ensemble Dieter Dorns: Helmut Stange. Welch eine Freude, dass Stückl ihn geholt hat! Stange zeichnet einen alten Herrn, der die letzte Metro verpasst hat. Sein geordnetes Leben gerate dadurch aus den Fugen, fürchtet er. Wie Stange/Herr das Pfannenmüller/Zucco erklärt, so voller philosophischer Tragikomik, so voller zärtlicher Menschlichkeit – da bekommt man eine Ahnung, wie so eine Inszenierung auch hätte sein können.

Von Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen: 16., 25., 31. Mai., 1. Juni; Karten: 089/523 46 55.

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