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„Effingers“ an den Kammerspielen: Wie wir wurden, was wir sind

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Von: Michael Schleicher

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Aufstellen zum Familienfoto: das Ensemble der „Effingers“. Im Vordergrund sucht Waldemar (André Jung), ein großer Humanist und Optimist, seinen Platz. Auch im übertragenen Sinn.
Aufstellen zum Familienfoto: das Ensemble der „Effingers“. Im Vordergrund sucht Waldemar (André Jung), ein großer Humanist und Optimist, seinen Platz. Auch im übertragenen Sinn. © Armin Smailovic/Münchner Kammerspiele

Mit „Effingers“ nach dem Roman von Gabriele Tergit sind die Münchner Kammerspiele in die neue Spielzeit gestartet. Jan Bosse inszenierte die Uraufführung. Unsere Premierenkritik:

Es ist eine schrecklich nette Familie. Sie erzählt uns von einem Deutschland, das fern und dennoch nah ist. Und ihr Schicksal kündet davon, wie wir wurden, was wir sind – und was wir verloren haben. Mit den „Effingers“ sind die Münchner Kammerspiele am Samstag in die neue Spielzeit gestartet; die Uraufführung wurde heftig und herzlich beklatscht.

„Effingers“ von Gabriele Tergit erschien erstmals 1951

Die Autorin Gabriele Tergit (1894-1982), die eigentlich Elise Reifenberg hieß, entfaltet in ihrem Roman die Geschichte der Effingers. Das Buch, Anfang der Dreißigerjahre begonnen und teilweise auf der Flucht vor den Nazis geschrieben, erschien 1951 – und war rasch vergessen, sieht man einmal von ein paar freundlichen Kritiken ab. Erst vor zwei Jahren kam der knapp 900 Seiten starke Wälzer erneut heraus, nun gab’s – endlich – auch jene begeisterte Reaktion, die „Effingers“ verdient hat (wir berichteten).

Tergit schildert den Aufstieg des Brüderpaars Karl und Paul Effinger, das es Ende des 19. Jahrhunderts vom süddeutschen Kragsheim nach Berlin zieht. Hier reüssieren beide als Fabrikanten und heiraten in die hoch angesehene Bankiersfamilie Oppner-Goldschmidt ein. Ihre Jüdischkeit bringt den Effingers, Oppners und Goldschmidts ab 1933 tödliche Gefahr, doch auch im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ist ihr Glaube – zumindest unterschwellig – Thema.

„Effingers“ sind mehr als die jüdischen „Buddenbrooks“

Dabei greift es zu kurz, „Effingers“ als jüdische „Buddenbrooks“ zu lesen. Tergit entfaltet in ihrem prägnanten, unaufgeregten, eleganten Stil ein enormes Panorama, in dem Industrialisierung, Emanzipation, Geschlechter- und Familienbilder, die soziale Frage, Patriotismus und manches mehr lehrreich und unterhaltsam verhandelt werden. Mit dem Einflechten von Welt(wirtschafts)daten verleiht die Schriftstellerin ihrer Erzählung zudem konkrete Zeitzeugenschaft.

Ein weites Feld also, von dem jede Bühnenadaption zwangsläufig nur einige Quadratmeter zeigen kann. An die Komplexität, die Tiefe und das Herz der Vorlage kommt die Fassung nicht heran, die Regisseur Jan Bosse, der Ende der Neunzigerjahre unter Dieter Dorn bereits an der Maximilianstraße arbeitete, und Viola Hasselberg, die Chefdramaturgin der Kammerspiele, erstellt haben. Das kann ein Theatertext auch gar nicht leisten. Dennoch ist es den beiden gelungen, eine schlüssige, auch unterhaltsame Essenz des Romans zu destillieren.

„Effingers“ war die erste Premiere der Spielzeit im Schauspielhaus

Jan Bosse bringt diese zusammen mit seinem zwölfköpfigen, enorm spielfreudigen Ensemble als eine Mischung aus Familienaufstellung, Therapiesitzung und Anekdotengewitter, wie es zu Verwandtschaftsbesuchen gehört, ins Schauspielhaus. Durch die Rückschau, die Draufsicht von Heute auf das Einst wirkt hier manches absurd, verzopft und kurios, daher ist vor allem die erste Hälfte von reichlich Komik geprägt. Dass Fragen von gesellschaftlicher Stellung, öffentlichem Ansehen und standesgemäßer Verheiratungspolitik zu Zeiten des Kaiserreichs sehr oft sehr bitter ernst waren, vergisst die Inszenierung im dynamischen Klamauk mitunter.

Trotzdem gelingt es Bosse, die Charaktere der Mischpoke, ihre Sorgen, Nöte, Wünsche und Träume vorzustellen. In der zweiten Hälfte gibt die Regie dann auch den leisen, nachdenklichen Momenten mehr Raum, etwa wenn Julia Gräfner in einem zu Herzen gehenden Monolog als Klara Effinger davon berichtet, wie ihr Sohn Fritz an der Spanischen Grippe verreckte.

Das Kammerspiele-Ensemble trägt den Abend

Die sieben Schauspielerinnen und fünf Schauspieler tragen diese dreieinhalb Stunden (eine Pause) durch ihr oft gut abgestimmtes Miteinander, gerade auch im stummen Spiel. „Effingers“ lebt von der starken Leistung des Ensembles, bei dem es ein Wiedersehen mit einigen guten Bekannten des Hauses gibt. Mit André Jung etwa, der Waldemar Goldschmidt stärker ins Zentrum rückt, als Tergit dies im Buch macht: als besonnenen, lebensklugen und (bis zuletzt!) optimistischen Beobachter, Ratgeber, Kommentator von Familie und Zeitläuften. Edmund Telgenkämper ist – eine Freude! – nach fünf Jahren in Zürich zurück im Ensemble der städtischen Bühne. Er zeigt den Patriarchen Emmanuel Oppner als stattlichen Mann, eindrucksvollen Bankier – und überzeugten Patrioten. Dessen Schwester Eugenie spielt Katharina Marie Schubert, die bis 2008 am Haus war, als emanzipierte Frau, deren Selbstbestimmtheit aus der Not geboren wurde – und der es wohl im Traum nicht einfallen würde, sich emanzipiert zu nennen.

Dennoch ist vor allem sie Vorbild für die nachfolgende Generation, die sich politisch, privat und beruflich ihre Wege jenseits der von den Altvorderen ausgelatschten Pfade sucht. Bis 1933 nicht nur der Bühnenaufbau von Stéphane Laimé, eine durchsichtige Wand, die zugleich Tafel und Projektionsfläche ist, krachend auf den Boden knallt.

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