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Auf turbulenter Fantasiereise: Paul Wolff-Plottegg, Barbara Melzl, Alfred Kleinheinz, Michele Cuciuffo, Johannes Zirner, Jens Atzorn (v. li.)

Premierenkritik: „In 80 Tagen um die Welt“

München - Tina Lanik inszeniert fürs Münchner Residenztheater „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Vernes Roman. Das Stück soll vor allem Kinder begeistern. Dafür liefern die Schauspieler kleine Meisterstücke

Was mögen Kinder? Vor allem männliche zwischen zehn und 13 Jahren? Ganz wild sind sie auf „Avatar“, „Fluch der Karibik“, also auf Filme, die alles zeigen, wovon geredet wird. Und was machen sie im Theater? Erwarten sie da dasselbe? Oder gehen sie erst gar nicht hin, weil sie dem Film, dem Fernsehen, ihren i-Pods und i-Pads viel mehr zutrauen? Es ist gar nicht so leicht, als großes Staatstheater nach langer, allzu langer Zeit wieder Theater für Kinder zu machen. Das alte gemütliche Weihnachtsmärchen hat ausgedient. Heinzelmännchen-Ballett geht nicht mehr. Die Kinder noch mehr zu verblüffen, als es der Film kann, dürfte kaum die Lösung sein. Aber Theater kann anderes, mindestens so Aufregendes: Es kann ein Appell an die Fantasie sein; es kann andeuten und die Zuschauer zum Mitdenken und Weiterspinnen des Gedankens anregen. Es kann – zum Theater auf der Bühne – noch ein zweites im Kopf entstehen lassen.

Diesen Weg geht das Münchner Residenztheater mit Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“. Martin Ku(s)ej hatte seinem Sohn versprochen, ein Kinderstück zu machen. Nun ist es da – zwar nicht von ihm selber inszeniert, aber von der gewitzten Tina Lanik. Die Fassung von Soeren Voima (nach Vernes Original von 1873) bleibt nahe am Ball, streut jedoch vor allem für die von den Kindern mitgenommenen Großen ein paar witzige Anspielungen an die Gegenwart ein. Es geht um die Wette des Mister Phileas Fogg, in 80 Tagen die Welt zu umrunden. Das war damals – ohne Flugzeuge – kaum vorstellbar, weshalb denn seine Clubbrüder die Wette laut lachend eingingen.

Mister Fogg (Johannes Zirner als perfekter Gentleman) reist mit einem minutiös ausgeklügelten Zeitplan in Gesellschaft seines Dieners Passepartout (springlebendig: Thomas Gräßle) los, wird für einen Bankräuber gehalten, vom Detektiv Fix (Michele Cuciuffo) in Trab gehalten und kehrt schließlich mit einer schönen indischen Frau (Katrin Röver) in letzter Minute, ach was: Sekunde zu seinen Clubbrüdern zurück. Wette gewonnen. Unterwegs geht’s allerdings hoch her: Gefährlicher Urwald, Tsunami, Rauschgifthölle, Seenot, Schiffbruch.

Und das alles entwickelt der Bühnenbildner Stefan Hageneier auf zuerst leerer Bühne aus einem kleinen englischen Häuschen. Alles ist Andeutung – gerade ausführlich und bunt genug, dass man das Bild selber wie ein Puzzle fertigdenken kann. Der Urwald besteht bloß noch aus Geräuschen und Dunkelheit. Es gelingen blitzsaubere Kabarettszenen oder eine imponierende Seenot in blauen Riesenwellen. Rasend schnell müssen die Schauspieler sich umziehen, denn sie spielen zum Teil ein Dutzend Rollen. Barbara Melzl sogar mühelos Frauen und Männer. Alles blitzschnell zur Pointe gebracht. Das sind kleine Meisterstücke. Alle können noch ein bisschen Dampf wegnehmen, aber in der Premiere war’s erst einmal wichtig, Mister Fogg überhaupt pünktlich zurückzubringen. Das ist gelungen.

Das Theater empfiehlt das Stück ab acht. Ab zehn wäre wohl realistischer, denn geschenkt wird zum Glück dem Zuschauer hier nichts. – Das ausgeklappte Programmheft ist auch noch ein pfiffiges Würfelspiel.

Von Beate Kayser

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