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Zu Gast an den Kammerspielen: Ilse Ritter wurde für die Rolle der Gutsbesitzerin Ranjewskaja nach München geholt; hier eine Szene mit Damian Rebgetz (li.) als Jascha und Gundars Aboli¸nš, der Boris Borissowitsch spielt.

Premierenkritik

Tschechows „Kirschgarten“ in den Kammerspielen: Einfach abgeholzt

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München - Der Kirschgarten wird abgeholzt. Im Stück von dem Geschäftsmann Lopachin, dem die Bäume im Weg stehen. Und das Stück selbst, das Nicolas Stemanns Konzept im Weg steht. Die Premierenkritik.

So hatten nur einige zerhackte Stücke von Anton Tschechows 1904 uraufgeführter Komödie „Der Kirschgarten“ in der „Kammer 1“ (Schauspielhaus) der Münchner Kammerspiele am Freitagabend Premiere (gut zweieinhalb Stunden inklusive Pause). Zum Glück sind Dramen zählebig; wenn sie ab und zu von Regisseuren umgesägt werden, tangiert sie das nicht weiter. Schade ist es nur um die Zuschauer, die vielleicht dann nie mehr Lust auf Tschechow (1860-1904) haben werden – und deswegen nie seine wunderbare Menschenweisheit werden erleben können.

Schade ist es außerdem um die Schauspieler, denn sie dürfen Menschen nicht mehr formen. Sie gestalten in der Inszenierung nur mehr Menschenfloskeln. Sie müssen ihre Kunst aufgeben, um Seifenopern-Schauspielerei zu betreiben. Bloß ja nicht anspruchsvoll sein, vielschichtig agieren, bloß keine echten Persönlichkeiten mit all ihren Schattierungen und Widersprüchen darstellen. Sonst könnten wir uns, oh Schreck, in Tschechows Figuren wiedererkennen. Sicherer ist es, den „Kirschgarten“ als russisches „Dahoam is dahoam“-Beet anzulegen. Übersichtlich, bieder, harmlos. Wobei – wahrscheinlich gibt’s in der BR-Soap mehr Konflikte als in Stemanns Inszenierung.

Solch Schlichtheit muss natürlich verbrämt werden. Und das geschieht an Matthias Lilienthals Kammerln durch pseudo-avantgardistisches Brimborium. Wir sehen also kein schnuckeliges Landgut mit Gartenblick, sondern eine schwarze, leere Bühne mit Stühlen ringsherum und Gerätschaften für die Musik- und Geräuschemacher. Immerhin durfte Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt den Hauptdarsteller der Produktion entwerfen: den Vorhang. Er, auch mal mehrfach geteilt, mischt rege mit; geht von der Seite zu und auf, wackelt wellend oder, padautz, schaut von oben herunter. Ja, er gehört zum Repertoire des guten, alt-abgestandenen Verfremdungseffekts. Das packt der Regisseur fast komplett aus und nervt damit wie mit den halbverwesten Witzen und Slapstickeinlagen. Da ist man fast schon froh um den Supereinfall, den (jungen – Verfremdung!) Samouil Stoyanov den greisen Firs als österreichische Dienerkarikatur mit faschistoiden Tendenzen spielen zu lassen.

Übrigens bekommen alle Schauspieler solche Soli, ähnlich wie beim (überhaupt nicht avantgardistischen) Ballett. Damit hat man sich wohl auch bei Brigitte Hobmeier für ihre Fehlbesetzung entschuldigt. Sie, die vor elf Jahren die Anja in einer ebenfalls schlechten Kammerspiele-Inszenierung spielte und von der sich die Münchner Theaterfans nun die Ranjewskaja erhofften, durfte nur die Gouvernante geben. Aber eben aufgeplustert mit Ausdruckstanz-Getue, Was-bisher-geschah-Nacherzählung (Szenenapplaus) und Zaubertricks. Hobmeier, der Thomas-Bernhard-Großschauspielerin Ilse Ritter, die für die Ranjewskaja nach München geholt wurde, und Annette Paulmann als Ziehtochter Warja sieht man bisweilen an, was sie aus den Menschen Anton Tschechows hätten machen können. Die Ausstrahlung der Bühnenkünstlerinnen leuchtet auf, um rasch in der Vereinfachung zu verlöschen. Die übrigen Kollegen werden auf Skurrilitäts-Bonsais gestutzt.

Ab und zu erliegt Nicolas Stemann der Faszination von Tschechow. Da lässt er zum Beispiel Julia Riedler als Anja Zukunftspathos vortragen. Aber davor und danach gähnen Löcher. Wieso kommt die junge Frau zu solchen Äußerungen? Mithilfe all der scheinmodernen Mätzchen drückt sich die Inszenierung davor, Kunst, also etwas so Schönes wie Schweres, zu erschaffen. Das passiert zurzeit häufig auf unseren Bühnen. Den Pfad der mühseligen Wahrheitssuche, des Ertragens von Vieldeutigkeit möchte man nicht mehr betreten. Einfache Lösungen müssen her. So seltsam wie traurig dabei ist, dass damit ausgerechnet die Theater genauso agieren wie politische und gesellschaftliche Simplifizierer.

Nächste Vorstellungen

am 30. Januar sowie am 1., 5. und 9. Februar; Telefon 089/ 23 39 66 00.

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