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Sie pendeln zwischen Wissenschaft und dem esoterischen Wahn vom neuen Menschen: René Dumont, Lena Lauzemis und Walter Hess (v. li.) in „Übermorgen ist zweifelhaft/2012“, einem Projekt von Chris Kondek und Christiane Kühl, das jetzt an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde

Premierenkritik: „Übermorgen ist zweifelhaft/2012“

München - Das Projekt „Übermorgen ist zweifelhaft/2012“ von Chris Kondek und Christiane Kühl wurde jetzt an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Die Premierenkritik.

Ohne eine gewisse Bereitschaft zur intellektuellen Achterbahnfahrt wird das nichts: „Stellen Sie sich vor“, sagt Professor Otto E. Rössler von der Uni Tübingen und blickt in die Kamera und damit auf die Zuschauerränge im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele. „Stellen Sie sich vor, Sie wären ein kleines schwarzes Loch.“

Zugegeben, das ist ein Gedankenspiel, das man tatsächlich am ehesten von einem Menschen erwartet, der sich hauptberuflich mit theoretischer Biologie, theoretischer Physik sowie der Philosophie der Naturwissenschaften beschäftigt. Auch ist es ein Gedankenspiel, das Spaß macht, weil es selbst bei Nicht-Naturwissenschaftlern das Hirn kitzelt. Und es ist ein Gedankenspiel, das viel über das Projekt „Übermorgen ist zweifelhaft/2012“ von Chris Kondek und Christiane Kühl erzählt, das jetzt uraufgeführt wurde.

Es ist ein Abend voller Wissen, Theorien, Vermutungen und Hirngespinste. Es ist ein dichter Abend, der viele Fragen aufwirft und kaum Antworten gibt. Ein Abend, der zwar nicht langweilt, der aber ob seiner Wissenschaftlichkeit auch selten wirklich berührt. Ausgehend vom Kalender der Maya, dessen sogenannte lange Zählung nach 5125 Jahren am 21. Dezember 2012 endet, diskutieren die Schauspieler Lena Lauzemis, René Dumont und Walter Hesse Möglichkeiten, wie die Welt nach diesem Tag aussehen könnte: Kommt der kollektive Untergang, wie es Hollywood-Regisseur Roland Emmerich unlängst in seinem Blockbuster „2012“ in die Kinos brachte, oder doch eher der „kollektive Bewusstseins-Sprung“, den esoterische Theoretiker herbeisehnen – einer immerhin mit der charmanten Begründung, durch die Verschiebung der Erdachse ändere sich in zwei Jahren die Art der Sonneneinstrahlung, was zur Folge hätte, dass der Mensch „gehirneigenes LSD“ produzieren könne. Schöne neue Welt.

Chris Kondek, der mit seiner Videokunst die Ästhetik im zeitgenössischen Theater mitprägt (an den Kammerspielen sind seine Filme etwa in den Inszenierungen „Der Sturm“ und „Maß für Maß“ zu sehen), lotet mit diesem Projekt die Grenze zwischen Video, Vortrag und Performance aus. Seine drei Schauspieler agieren vor allem zwischen zwei Schreibtischen, greifen auf Textmaterial etwa des Naturwissenschaftlers und Science-Fiction-Autors Isaac Asimov oder Friedrich Nietzsches zurück. Das alles wirkt in etwa so, als treffe „Die Sendung mit der Maus“ (ARD) auf „Galileo Mystery“ (ProSieben) sowie „Quarks & Co“ (WDR) und zeugt von einer immensen Recherchearbeit, die Kondek und Kühl geleistet haben.

Vor allem der erste Teil des gut achtzig Minuten langen Abends, in dem es um die Folgen des Stichtags 21. Dezember 2012 geht, zehrt zudem von Kondeks herrlich schrägen Video-Einspielungen, die die Texte entweder verstärken oder entlarven. Dann verlagert sich der Fokus der Inszenierung hin auf die Frage nach künstlicher Intelligenz, transhumanen Experimenten und den möglichen Konsequenzen für die Menschheit: „Wenn wir Tierschutzgesetze haben und Menschenwürde achten, dann müssen wir auch eine Maschine, die Selbstbewusstsein hat, irgendwie schützen“, sagt etwa Frank Sehnke von der TU München in einem der Interviews, die auf den beiden Leinwänden immer wieder eingespielt werden.

Keine Frage: Ohne eine gewisse Bereitschaft zur intellektuellen Achterbahnfahrt wird man wenig Vergnügen an diesem Abend haben. Sondern sich höchstens wie ein kleines schwarzes Loch fühlen. Hat aber auch was.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 6., 10., 12., 21., 27. März; Telefon 089/ 23 39 66 00.

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