Premierenkritik: So war die Uraufführung von „Der Kaktus“

München - Das Münchner Volkstheater zeigt einen wilden Theater-Ritt, der in seinen besten Augenblicken bissige Satire, in den schlechteren platte Plauderei und allzu konstruiert ist.

Die Demokratie wird in einem kargen, kleinen Raum geopfert. Oder müsste es nicht korrekter heißen: Für die Demokratie werden in einem kargen, kleinen Raum Opfer gebracht? Wie man es auch sehen will: Bis es so weit ist, erleben wir im Münchner Volkstheater einen wilden Theater-Ritt, der in seinen besten Augenblicken bissige Satire, in den schlechteren platte Plauderei und allzu konstruiert ist.

Bettina Bruinier hat auf der kleinen Bühne „Der Kaktus“, das zweite Stück der Juristin und Autorin Juli Zeh, zur Uraufführung gebracht. Die Regisseurin hatte – ebenfalls hier – bereits die Bühnenadaption von Zehs Roman „Schilf“ eingerichtet. In „Der Kaktus“ setzt sich die Autorin mit dem Sicherheitswahn auseinander, der spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den meisten westlichen Demokratien grassiert. Dazu lässt sie einen Kaktus als Terrorverdächtigen auf einem Polizeirevier festsetzen. Denn „da muss man nur zwei und zwei zusammenzählen“, wie es Frau Dr. Schmidt vom Bundeskriminalamt formuliert – und schon wird aus einem Gewächs mit Dornen ein potenzieller Attentäter.

Die Pflanze also wird verhört, ja gefoltert, schließlich kann nur sie wissen, wo die Bomben sind, die am Flughafen detonieren und 5000, 15 000, 25 000 Unschuldige in den Tod reißen sollen. Das Versteck versucht ein Typen-Quartett aus dem Kaktus herauszuprügeln, das ein Karikaturist nicht besser zeichnen könnte: Jochen von der GSG 9 – ein „Stromberg“, ein Diktator in Bundfaltenhose, mit akkuratem Scheitel, Schnauzer und weißem Rollkragenpulli; Cem – der Hauptschulabgänger mit Migrationshintergrund, der Polizist wurde, weil er Waffen immer schon toll fand; Susi – die Idealistin, die sich für Tier-, Natur- und Menschenrechtsschutz einsetzt und am Ende dennoch dem Verdächtigen, die Arme abhackt; schließlich Dr. Schmidt – die Staats- und Verfassungsschutz predigt, mit Floskeln der Sicherheitspolitiker agitiert, manipuliert und seufzt: „Die Landesverteidigung verlangt Opfer.“

Das Stück ist ein Kommentar zu den Zeitläuften, plakativ, mit heißem Herzen geschrieben. Gerade hat die Autorin zusammen mit ihrem Kollegen Ilija Trojanow die Kampfschrift „Angriff auf die Freiheit“ veröffentlicht, in der sie gegen Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und den Abbau bürgerlicher Rechte anschreiben (siehe nebenstehende Kritik). Was in diesem Pamphlet funktioniert, wirkt im „Kaktus“ oft nur naiv, gut gemeint. Wo die Autorin im Buch aufrüttelt, macht sie es sich bei der Übertragung ihres Themas auf die Bühne manchmal zu leicht. Denn für den Zuschauer ist es einfach, die absurde Kaktus-Folter abzulehnen, sich also auf der richtigen Seite zu wähnen. Wir sind doch nicht Guantanamo!

Dass der Abend dennoch ein Theatervergnügen ist, liegt an Bruiniers herzhaft zupackender Regie. Jeglichen Zauber, mit dem sie noch bei ihrer letzten Arbeit, „Alice im Wunderland“, das Haus beglückte, verwehrt sie sich. Außerdem es ist eine Freude, den vier Schauspielern zuzusehen. Kristina Pauls und Sophie Wendt, Stefan Ruppe und Thomas Schmidt nehmen die Textvorlage allzu gerne an, haben Spaß, einmal nicht groß psychologisieren zu müssen, sondern die von ihnen dargestellten Typen kräftig und schrill illustrieren zu können. Das sitzt, und da wird selbst den platteren Dialogen durch Betonung noch eine weitere absurde Drehung entlockt. Deshalb und völlig zurecht: Herzlicher Applaus.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 7. und 9. November; Telefon: 089/ 523 46 55.

Rubriklistenbild: © Haag

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