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Figuren im Verhaltens-Labor: Von links Frank (Ulrich Matthes), Martin (Norman Hacker), Liz (Maren Eggert) und Carol (Sophie von Kessel).

Premierenkritik: Versuchsanordnung im Cuvilliéstheater

München - Martin Kusej zeigt Roland Schimmelpfennigs Stück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ im Cuvilliéstheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Die ersten beiden Sätze machen klar, wo es enden wird: in der „Katastrophe“, im „Desaster“. Frank stellt das fest. Frank, der mit seiner Liz hiergeblieben ist und Karriere gemacht hat, während die Studienfreunde Carol und Martin sechs Jahre lang das Leiden in Afrika zu lindern versuchten. „Ihr setzt Euer Leben ein, um anderen Menschen zu helfen. Und wir machen das Garagentor auf und zu“, stellt Liz irgendwann fest. Dieses Treffen musste also schiefgehen. Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig lässt diese unterschiedlichen und doch so ähnlichen Paare in „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ aufeinandertreffen und stellt dabei die Frage nach der moralischen Position des Westens im Umgang mit dem Elend in Afrika.

Staatsschauspiel-Intendant Martin Kusej richtete im vergangenen November die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks, das für das Luminato-Festival in Toronto entstanden ist, am Deutschen Theater in Berlin ein. Jetzt war München-Premiere im Cuvilliéstheater. Das Problem dieser achtzig Minuten ist, dass Schimmelpfennigs Vorlage dünn ist und selten mehr hergibt als Klischees: Die Paare werfen sich gegenseitig ihr Leben vor – mal um selbst besser dazustehen, mal aus Neid. Die Figuren gewinnen dabei selten Tiefe, bleiben Standpunkt-Sprechautomaten, innen hohl wie Puppen. Poetische Kraft, die etwa Schimmelpfennigs heuer bei den Salzburger Festspielen uraufgeführtes Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ entfaltet, lässt „Peggy Pickit“ kaum erahnen. Da helfen der Wechsel von Dialog-, Reflexions- und Kommentarebene so wenig wie Wiederholungen, Vor- und Rückschauen. Daher gilt, was Frank für das Wiedersehen der Freunde feststellt, leider auch für dieses Stück: Bereits zu Beginn ist klar, was wie laufen wird. Überraschungen, eine tiefere Ebene, eine Brechung des Erzählten verweigert der Autor – im Unterschied zu Yasmina Reza.

Die Französin machte 2006 in „Der Gott des Gemetzels“ ebenfalls ein Wohnzimmer zum Schlachtfeld. An ihrem Erfolgsstück, das gerade von Roman Polanski fürs Kino adaptiert wurde, hat sich Schimmelpfennig orientiert. Kusejs Regie holt das Beste aus der Vorlage heraus. Der Autor gibt ihm Typen statt Charaktere – also bringt Kusej diese wie in einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung zur Reaktion. Annette Murschetz hat dazu einen keimfrei anmutenden weißen Kasten gebaut, den das unbarmherzige Licht der Neonröhren schattenfrei ausleuchtet. Einzige Requisiten: die Puppe Peggy Pickit und eine afrikanische Holzfigur, das Gastgeschenk von Carol und Martin, denen Liz immer wieder ihre Stimme leiht.

Wie sehr hätte man Maren Eggert und ihren Kollegen Sophie von Kessel, Ulrich Matthes und Norman Hacker einen substanzielleren Text gewünscht. Denn letztlich verhindern die Schauspieler, dass der Abend nur plätschert. Ja, man schaut gerne zu, wie sie versuchen, ihren Figuren Leben einzuhauchen, ihnen Ecken, Kanten und eine Geschichte zu geben. Dieses Quartett ist großartig. Und so sehr man als Fernsehzuschauer Eggerts Ausstieg als Psychologin Frieda Jung nach sieben Jahren an der Seite von Kommissar Borowski (Axel Milberg) im Kieler „Tatort“ bedauern mag (Maren Eggert wollte fortan mehr Theater spielen): Hier erlebt man, wie richtig diese Entscheidung war.

Gegen Ende lässt Regisseur Martin Kusej vom Schnürboden einen riesigen Berg Wohlstandsmüll auf die Bühne krachen. Hilflos staksen die Schauspieler darin herum, während die Heile-Heile-Segen-Hymne „We Are The World“ zu hören ist, die sich seit ihrem Erscheinen im Jahr 1985 mehr als 20 Millionen Mal verkauft hat. Da blitzt endlich für einen Augenblick jene Doppelbödigkeit auf, von der man diesem Abend mehr gewünscht hätte.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 14. November, 1. und 9. Dezember; Karten unter der Telefonnummer 089/ 21 85- 19 40.

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