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Flucht zur Rampe: Anja Kampe (Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund) als Wälsungen-Traumpaar.

Apokalypse lau: Buhrufe zur "Ring"-Premiere

München - "Ring"-Premiere in München: Regisseur Andreas Kriegenburg und Dirigent Kent Nagano mühen sich mit ihrer Interpretation des "Rings" um Wagner Walküre - und ernten Buhrufe.

Wie schaut der Drache aus? Was und wie viel kracht beim großen Weltenbrandfinale zusammen? Das sind so gemeinhin die Schlüsselfragen im „Ring“. Vor allem aber: Was passiert beim Walkürenritt, dem ultimativen Film-Funk-und-Fernseh-Hit dieser 15 Stunden? Im Nationaltheater bleibt’s bei Apokalypse lau: Stöhnende, stampfende Frauen markieren vor Beginn des dritten Akts Hyper-Emotion. Eine schweißtreibende, stumme, Wagner-lose Choreographie. So lange, bis die Premierenbesucher endlich in die Falle tappen, „Aufhören!“, „Zugabe!“ oder „Musik!“ brüllen und sich ein hübsches Buh-Bravo-Gefecht liefern.

Für einen Moment spielt da Münchens neue „Walküre“ Skandälchen. Um dann wieder zurückzusinken in ein – was eigentlich? – Theater, bei dem die Flucht zur Rampe den Notausgang zum letzten Fetzchen Regie bietet. Dabei gibt es ja einiges zu sehen. Regisseur Andreas Kriegenburg bleibt seinem „Rheingold“-Stil treu. Keine Konzeptkrämpfe also, keine Weltentwürfe. Er sieht sich mit Bühnenbildner Harald B. Thor eher als der bescheidene Bildfindungs-Poet. Die Weltesche, in der tote Leiber hängen, das Tafel-Stillleben mit Obstschale und Fasanen-Gericht, in dem Hunding zur tödlichen Bedrohung für Siegmund wird, die aufs Cinemascope-Format verengte Todverkündigung, in der drei schwarz Bemantelte übers dunstige Leichenfeld wandeln, all das hat schon beachtlichen Schau-Mehrwert. Und bleibt doch nur erbaulicher Rahmen, der viereinhalb sehr lange Stunden seiner Auspinselung harrt.

Bislang glaubte man ja an ein Naturgesetz. Die „Walküre“, das allzu menschlichste der vier „Ring“-Stücke, funktioniert im Grunde von selbst. Vor allem der erste Akt – ein klingendes Regie-Buch. Wer nur halbwegs hinhört, ob Regisseur oder Dirigent, dem glückt automatisch Intensität.

Was für ein Irrtum. Ausgerechnet diese 60 Minuten (und weite Teile der folgenden Akte) verfallen im Nationaltheater in Opernstarre. Klaus Florian Vogt singt die „Winterstürme“, später die Todverkündigung berückend lyrisch, mit unangestrengtem Lied-Ton-Zauber, liefert aber letztlich nur ein delikat abgeschmecktes Arienkonzert. Ähnliches bei der unterforderten Anja Kampe als Sieglinde. Ein, zwei flackernde Spitzen passieren ihr, was aber nichts macht, da sich emphatischer Gesang und Spiel ideal durchdringen. All dies könnte wirklich überwältigen, müsste (nicht nur) sie gerade in den Monologen ständig nachatmen. Und das lenkt nun die Aufmerksamkeit auf den Mann eine Etage tiefer.

Dass Kent Nagano das Gegenteil eines dramatisch empfindenden, vokal sensiblen Dirigenten ist, rächt sich vor allem in dieser „Walküre“. Es ist einer seiner schwächsten, spannungslosesten Münchner Abende. Gewiss: Das Bayerische Staatsorchester klingt luxuriös und die Leitmotiv-Arbeit nach kundiger Analyse. Doch der erste Aufzug kommt kaum in Gang, das Vorspiel zum zweiten entgleist fast. Scharnier- und Übergangsstellen sind gefährdet, die Tempi zu zerdehnt. Man hangelt sich von einer Mini-Episode zur nächsten. Und wenn Nagano der Sinn nach Dramatik steht, dann ist das nie organisch entwickelt, sondern vor allem zweierlei: unvermittelt und laut.

Zwei fatal Wesensverwandte haben sich da gefunden. Nagano und Kriegenburg vertrauen nicht nur auf den souveränen, sich selbst überlassenen Sänger – sie brauchen ihn dringend. Und das geht nur selten auf. Bei Vogt und Kampe mit kleinen Abstrichen, auch bei Melonenvernichter Ain Anger, ein Hunding aus dem Musterbuch des schwarzen Mannes. Im Falle der Titelheldin wird es allerdings schwierig. Katarina Dalayman wirkt, als sei sie erst vor zwei Tagen zum Ensemble gestoßen. Darstellerisch ist sie zu passiv und vokal damit beschäftigt, ausbrechende Extremtöne zu kontrollieren und ihren verhärteten Sopran aufzuweichen. Gleichwohl ist die Schwedin der zurzeit seltene Fall einer Hochdramatischen, die die Brünnhilde überhaupt unfallfrei durchsteht. Bräuchte sie einen Animateur, wäre im Falle des Götterpaares eher ein Kontrolleur gefragt. Sophie Koch gibt die Fricka als Joan-Collins-Karikatur mit bizarr überdrehter Deklamation. Thomas J. Mayer scheint sich dagegen ständig zu beobachten (und zu gefallen): Seine tiefe Wotan-Verzweiflung, die Kriegenburg mehr als alles andere akzentuiert, ist ausgestellt, weniger erfühlt. Am imponierendsten ist er in den Ausbrüchen des dritten Akts, auch in der genauen Textarbeit, vieles verläuft sich indes in diffuser Intonation.

Statt sich mit diesen Figuren also näher zu beschäftigen, sie in Kraftfeldern miteinander zu konfrontieren, verlegt sich Kriegenburg auf Ersatzhandlungen. Wieder ist also die Statisterie gefragt. Eine Riege dienstfertiger Mädchen durchweht Hundings Haus. Siegmund und Sieglinde dürfen sich nicht direkt das Wasserglas reichen, damit sind diese Helferinnen enervierend oft beschäftigt. Ähnliches bei Wotans, wo sich befrackte Herren fürs hohe Paar schon mal zum Sitzmöbel gruppieren. Doch statt sich mit einmaligem Vorzeigen seiner Einfälle zu begnügen, reitet Kriegenburg auf ihnen herum. Man nehme nur die Walküren, die nach dem stummen Spiel ihrer trampelnden Kolleginnen zum Hojotoho mit langen Zügeln peitschen und Sadomaso-Gefühle heucheln. Es ist also Halbzeit im Münchner „Ring“. Und es hakt gewaltig. Doch mit der Hoffnung verhält es sich wie mit Brünnhilde im „Ring“. Die stirbt zuletzt.

Markus Thiel

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