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Mit Wucht und Energie: vorne v. li. Philipp Staschull (Robbie), Christopher Löschhorn (Sandro), Linus Scherz (Tabor), Anontije Stankovic (Marcel), Rouven Blessing (Goldhahn), Sebastian Jehkul (Stefan) und oben v.li. Nina Niknafs (Lih), Olivia Szpetkowska (Lien), Alexander Wertmann (Minh). 

Premierenkritik

"Wir sind jung. Wir sind stark": Als der Mob Amok läuft

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München - Anja Sczilinski inszenierte „Wir sind jung. Wir sind stark.“ mit den „intergroup“-Jugendlichen des Residenztheaters. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Vielleicht liegt ein Schlüssel zum Verständnis in einem Satz, der gegen Ende dieser kompakten 90 Minuten im Marstall des Münchner Residenztheaters fällt: „Total frei sein, heißt eigentlich nur: total allein sein.“ Nein, allein war niemand in jenem Mob, der im August 1992 vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen (Zast) protestierte, hetzte, attackierte. Unter dem Jubel mehrerer tausend Zuschauer griffen Rechtsradikale schließlich das Wohnheim „Sonnenblumenhaus“ neben der Zast an, in dem vietnamesische Arbeiter lebten. Polizei und Politik waren damals völlig überfordert. Hässliche Bilder gingen um die Welt, drei Jahre nach der friedlichen Revolution von 1989.

Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani hat vor dem Hintergrund einer der heftigsten rassistischen Ausschreitungen im Nachkriegsdeutschland einen bemerkenswerten Spielfilm gedreht, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam und dort mehr Zuschauer verdient gehabt hätte. Das Drehbuch zu „Wir sind jung. Wir sind stark.“, für das Qurbani und sein Mitautor Martin Behnke gerade den Bayerischen Filmpreis erhalten haben, war Basis für Anja Sczilinskis Inszenierung mit der „intergroup“ des Residenztheaters, theaterbegeisterten Jugendlichen zwischen zwölf und 23 Jahren.

Es ist beachtlich, wie es Sczilinski und ihrer Körpertrainerin Annerose Schmidt gelungen ist, den Laien die Scheu vor der Bühne zu nehmen. Souverän agieren sie in Peter N. Schultzes streng-praktischem Bühnenbild, das den Rechten Winkel zum Gestaltungselement erhebt und so eine Ahnung von der Plattenbau-Tristesse in Rostock-Lichtenhagen vermittelt.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ folgt frustrierten Jugendlichen, Polizisten und Politikern sowie den vietnamesischen Bewohnern des „Sonnenblumenhauses“ durch den 24. August 1992, an dessen Abend die Gewalt schrecklich eskaliert. Natürlich hat der Film die Möglichkeiten, durch Schnitt, Szenenwechsel und authentische Drehorte Spannung aufzubauen. Sczilinski setzt dem die Unmittelbarkeit des Theaters entgegen – mit ähnlichem Effekt. Dazu hat sie die Vorlage geschickt verknappt und sich auf die zentralen Elemente der Geschichte konzentriert. Mit Stefan Murr und Arnulf Schumacher hat die Regisseurin zudem zwei Schauspielprofis in der Produktion, die mit ihrer Erfahrung und ihrer Bühnenpräsenz den jungen Laien auch durch die sehr viel schwieriger zu gestaltenden ruhigen Szenen helfen. Gerne würde man beide (wieder) häufiger am Resi zu sehen.

Wie genau Sczilinski mit ihrem Ensemble gearbeitet hat, zeigt sich am eindrucksvollsten, als der Mob Amok läuft, erst Steine, dann Molotowcocktails fliegen: Wuchtig, mit großer Energie und Lust spielen die Jugendlichen diese brutal-beängstigenden Szenen – und dennoch bleibt jede Figur durch ihre spezifischen Gesten als Individuum erkennbar. Eine ähnliche Gewissenhaftigkeit hätte man sich indes auch für die Videoeinspielungen gewünscht. Die fiktive Nachrichtensendung, in der die tatsächliche Entwicklung in Rostock zusammengefasst wird und die es daher aus dramaturgischen Gründen braucht, ist schlicht albern. Unangemessen albern – und das nicht nur aufgrund von Friederike Otts unglücklicher Neunzigerjahre-Aufmachung. Es sind dies die einzigen schwachen Momente eines Abends, der durch das Engagement seiner Darsteller, seine Ernsthaftigkeit, sein Wissen um Chancen und auch Grenzen des Theaters besticht. Endgültige Antworten liefern Sczilinski und ihr Team nicht. Wichtig ist jedoch, die Fragen zu stellen.

Großer Jubel. Was sonst?

Nächste Vorstellungen

am 25. und 26. Februar; Telefon 089/ 2185-1940.

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