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Urgewalt: Birgit Minichmayr spielt Katja, die von Pierre (Sebastian Blomberg) interviewt wird.

Premierenkritik: Wörter-Krieg auf dem Flokati

München - Birgit Minichmayr und Sebastian Blomberg liefern sich momentan im Marstall ein Wortgefecht sondergleichen. In Martin Kušejs Inszenierung von "Das Interview" nach Theo van Goghs Film garantieren sie Spannung bis zum Schluss. Eine Premierenkritik:

All das erinnert an die Suche nach dem sogenannten Gottesteilchen im Forschungszentrum Cern, wo die Wissenschaftler gerade Erfolge verkünden konnten: Im unterirdischen Teilchenbeschleuniger nahe Genf werden Protonen aufeinander geschossen, sie erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Und wenn sie kollidieren, entstehen für wenige Augenblicke Energien wie kurz nach dem Urknall. Ähnliches geschieht in Martin Ku(s)ejs Inszenierung „Das Interview“, die vor zwei Jahren in Zürich Premiere feierte und die der neue Staatsschauspiel-Chef nun in seinen ersten Münchner Spielplan übernommen hat. Am Mittwoch war Premiere im Marstall.

Der Abend basiert auf dem gleichnamigen und völlig zu Unrecht gefloppten Film des Regisseurs Theo van Gogh, Urenkel von Vincent van Goghs jüngerem Bruder. Der Niederländer, Jahrgang 1957, provozierte die Gesellschaft vor allem durch seinen Umgang mit Religionen. Muslime waren für ihn „Ziegenficker“, er erzählte Judenwitze und beleidigte Christen. „Das Interview“ (2003) ist der vorletzte Film, den er drehen konnte: Anfang November 2004 schoss ein Holländer marokkanischer Herkunft achtmal aus kurzer Distanz auf van Gogh, schnitt ihm dann die Kehle durch und heftete ihm mit dem Messer das Bekennerschreiben an die Brust.

Sebastian Blomberg spielt Pierre, einen frustrierten Politikjournalisten, der dazu verdonnert wurde, Katja zu interviewen

Zur Reaktion gebracht werden in van Goghs Film und in Ku(s)ejs präziser Theaterarbeit die Soap-Darstellerin und schönheitsoperierte C-Prominente Katja und der politische Redakteur und Ex-Kriegsreporter Pierre: Er wurde verdonnert, sie, die er nicht kennt und die ihn nicht interessiert, zu interviewen. Weil Personalmangel in der Redaktion herrscht und obwohl am selben Abend die Regierung zurücktreten wird. Pierre lässt Katja spüren, dass er keine Lust hat, „zwei Titten zu interviewen, die keinen geraden Satz herausbringen“. Katja ihrerseits hat eine „arrogante Schwuchtel“ von der Kulturredaktion erwartet: Angenehm und sanft ist bei dieser Konstellation nur der weiße Flokati-Teppich, mit dem Jessica Rockstroh Katjas ansonsten leere Wohnung ausgelegt hat. Statt eines Interviews bricht ein verbaler Krieg los.

Faszinierend, wie Birgit Minichmayr und Sebastian Blomberg ihren Nahkampf mit Gemeinheiten, Lügen, Schmeicheleien und Zynismen im Wechsel gestalten. Beiden gelingt auf diese Weise nicht nur, eine zwingende Dramaturgie aufzubauen, die problemlos die Spannung über 90 Minuten halten kann. Minichmayr und Blomberg variieren auch geschickt das Tempo, spielen mal Pingpong mit ihren Sätzen, um gleich darauf wie blind aufeinander einzuhacken, zu giften und zu keifen. Dabei lassen sie nicht nur ihren Partner im Unklaren über die Aufrichtigkeit ihrer Geschichten und Motive, sondern auch die Zuschauer. Und das über das Ende der Inszenierung hinaus.

Kaum vorstellbar daher, dass die Suche nach dem Gottesteilchen in Cern ähnlich packend ist wie dieser Theaterabend. Energien werden in jedem Fall hier wie dort frei.

Von Michael Schleicher

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