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Auf dem U-Bahnsteig ist alles möglich – und im Nō; hier mit Thomas Hauser, Kazuhisa Uchihashi, Jelena Kuljić und Anna Drexler (v. li.)

Premierenkritik

Wenn die Geister kommen

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Toshiki Okadas Stück „Nō Theater“ wurde an den Münchner Kammerspielen unter seiner Regie uraufgeführt. Der japanische Dramatiker schult dabei die ästhetische Wahrnehmung der Zuschauer.

Edel, von reduzierter Raffinesse ist das „Nō Theater“, das gerade in der Kammer 1 vorgestellt wurde: eine Uraufführung von Toshiki Okada mit Darstellern der Münchner Kammerspiele – wohl nicht hundertprozent, aber dann doch sehr japanisch. Warum nicht! Japans Butoh-Bewegung ließ sich ja auch vom deutschen Ausdruckstanz inspirieren. Und nachdem sich das Regietheater weidlich müde inszeniert hat, kann das Schauspiel hierzulande gut eine Frischzellenkur gebrauchen. Liegt also der wegen seiner zeitgenössischen Neuerungsideen viel gescholtene Intendant Matthias Lilienthal vielleicht gar nicht so falsch? Den emphatischen Schlussapplaus wird er als Ermutigung nehmen.

Nun war der Auftrag an Okada kein allzu großes Wagnis. Dessen 1997 gegründete chelfitsch company wurde in den letzten Jahren auch in Europa akklamiert. Nicht minder sein im vergangenen Jahr an den hiesigen Kammerspielen inszeniertes „Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech“ von 2009. Aber jetzt Nō, diese im 14. Jahrhundert entstandene hochkomplexe Kunstform aus Text, Musik und Tanz-Geste, die nicht einmal Japaner durch und durch verstehen? Das Programmheft liefert immerhin eine knappe kompetente Einführung. Und, Entwarnung, Okada, hier auch sein eigener Autor, geht es nicht um Buddhismus, Zen, Götter, Helden und Kriege, sondern um Spekulationsschlachten, Zinsmanipulation und in den Ruin führende Euphorie-Blasen: zum Beispiel in den Bürotürmen rund um die Tokioter U-Bahn-Station „Roppongi“, wo sich ein Goldmann-Sachs-Investmentbanker in den Tod stürzte.

Hier, auf einem lichtgrauen leicht abstrahierten U-Bahnsteig, Symbolort für Fortbewegung, Daseinsübergang und Wechsel, begegnen sich ein junger Mann und der Geist des Selbstmörders, der sich durch die Erzählung seiner Schuld, also der Verantwortungslosigkeit gegenüber der nachwachsenden Generation, Erlösung erhofft. Damit hält sich Okada zumindest an Rahmenvorgaben des Nō, das Geister traditionell zu seinem Personal zählt. Überdies haben Geister ganz selbstverständlich ihren Platz im kulturellen Verständnis der Japaner; nach dem großen Tsunami 2011 gab es in den Medien Berichte von Zusammentreffen mit Verstorbenen.

Der langjährige Kammerspiele-Kämpe Stefan Merki bewahrt bewundernswerte Haltung in der detaillierten Ausführung von Japans Finanzdesaster, die man wie einen Wirtschaftsblattartikel über sich ergehen lässt. Was von dieser Begegnungsszene mit dem jungen Mann bleibt – sehr überzeugend Thomas Hauser in seiner inneren schlichten Körperkonzentration bei seinem ja nur minimalen Dialoganteil – ist eine pointiert formulierte Feststellung: Jeder Mensch ist in seiner Zeit, seinem gesellschaftlichen Umfeld gefangen. Da mag die Vergangenheit in der Gegenwart enthalten sein, der Mensch ist offensichtlich nicht fähig, dies zu erkennen, nur die Geister. Eine bittere Erkenntnis.

Wo ordnen wir diese moderne Transposition des Nō ein, wir Europäer, die etwas fühlen wollen? Wir sehen ein neusachliches, zartrosé oder giftgrün angeleuchtetes Bühnenbild, im Hintergrund eine malerische Traumkiefer. Statt Nō-Orchester lässt der in der Bühnenmitte platzierte Kazuhisa Uchihashi sein Daxofon und seine Gitarrenharfe verhalten den Raum in vielen Klangnuancen „besingen“. Statt farbenprächtiger ausladender Kostüme trägt jeder japanische Designer-Mode in höchstem Understatement. Und die kunstvollen Nō-Masken sind ersetzt durch ein leidenschaftsloses, man könnte sagen, ein maskenhaftes Sprechen. Das tänzerische Element ist herunterchoreografiert zum gelegentlichen Vorbei-Schreiten der U-Bahnfahrer und zu äußerst sparsamen Arm- und Handbewegungen der fünf Akteure. Lebendig wirkt nur das „kyogen“, das komödiantische Nō-Zwischenspiel, in dem Anna Drexler über das Textlernen der Schauspieler sinniert. Toshiki Okada, gewiss, schult die ästhetische Wahrnehmung. Weckt auch wieder einen Sinn für eine mögliche Stille und Langsamkeit in unserer Existenz. Um aber gesellschaftspolitisch aufgerührt zu werden, müsste man schon ein anderes Stück sehen. Vielleicht ja sein nächstes?

Nächste Vorstellungen

am 25., 28. Februar; Telefon 089/ 23 39 66 00.

Die Besetzung

Regie: Toshiki Okada. Bühne: Dominic Huber. Kostüme: Perret Schaad. Musik/ Livemusiker: Kazuhisa Uchihashi. Darsteller: Thomas Hauser (junger Mann), Stefan Merki (Geist des ehemaligen Investmentbankers), Jelena Kulji(´c) (Bahnhofsangestellte), Anna Drexler (Schauspielerin), Maja Beckmann (Frau) und 30 Statisten (U-Bahnfahrer).

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