Das Prinzip der Lust

- "La ci darem la mano" ("Reich mir die Hand") - es ist eine der verführerischsten Szenen auf der Opernbühne. Ein geradezu magischer Moment, in dem Mozart die Welt stillstehen lässt. Auch in der Reithalle auf Gut Immling im Chiemgau, wo sein Dramma giocoso "Don Giovanni" bei der Premiere heftig beklatscht wurde.

<P>Während Don Giovanni von einer Balustrade seitlich der Bühne lockt, bewegt sich Zerlina wie in Trance entlang der Rampe mit ausgestrecktem Arm auf ihn zu. Gebannt in große, schwarze Bilderrahmen werden Elvira und Masetto Zeugen der Szene vor stahlblauem Horizont - ein Bild in Wilson-Manier. Ein Augenblick zum Verweilen. Zum Festhalten auch und gerade, weil Heiko Mathias Förster ihn mit den Münchner Symphonikern so eindrucksvoll beschwor. Das bedrohte Orchester, dem die Stadt München den Geldhahn zudreht, und sein Chef agierten hochsensibel. Sie hoben die Schätze der Partitur ans Licht: beklemmende Dramatik, unglaubliche harmonische Rückungen, lyrische Inbrunst, das Düstere wie das Lichtere. Dabei achtete Förster auf klangliche Ausgewogenheit, fließende Übergänge und eine atmende Begleitung der Sänger.<BR><BR>Dass dennoch Don Giovannis einzige ("Champagner"-)Arie "vergeigt" wurde, lag an der Regie, die den Sänger fern vom Orchester, im Rücken des Dirigenten auf einen Balkon am hinteren Ende der langen Reithalle postiert. Ein Kardinalfehler. Isabel Ostermann, die mit "Figaros Hochzeit" und "Otello" in Immling satte Erfolge einfahren konnte, verhob sich mit "Don Giovanni" (wie schon viele, auch große Kollegen). Kein Zweifel, sie hat sich intensiv mit dem Stück auseinander gesetzt, hat ein Konzept - Don Giovanni ist Projektionsfläche für Männer wie Frauen - entwickelt, das zu allerlei kühnen Gedankenspielen reizt. Doch letztlich will niemand auf der Bühne das Prinzip der Lust, sondern die Lust selbst sehen. Daran krankt die Inszenierung, die zu dechiffrieren der Zuschauer irgendwann müde wird.<BR><BR>Giovanni und der Komtur lösen sich zu Beginn aus der Menge der mit schwarzen Augenbalken Anonymisierten. Der Komtur begibt sich hinter ein Rednerpult, das im Stückverlauf immer wieder gleißend aufleuchtet. Wenn er zuletzt - unterstützt von der gesamten, mauernden Gesellschaft - Giovanni zur Reue auffordert, dampft es gefährlich: die Rede nur Schall und Rauch?<BR>Aber immerhin reicht der Druck, dass sich Giovanni, der am Ende aussieht wie der Komtur am Anfang, die Pistole an den kahlen Schädel setzt. Dass sich somit das (Prinzip), was alle gesellschaftlichen Regeln sprengt, selbst auslöscht - damit die Gesellschaft überlebt.<BR><BR>Giovanni, diese Vision der individuellen Freiheit, agiert stets für sich allein: Auf den vorgezogenen Seiten der Bühne, auf der Rampe vor dem Orchestergraben, im Zuschauerraum - (fast) ohne physischen Kontakt zu den anderen. Das funktioniert auf dem Papier, schafft Probleme auf der Bühne, weil Giovannis psychische Präsenz seine reale, ja sogar den Degen ersetzen muss.<BR>Ein Glück, dass sich Theodor Carlson mit eingedunkeltem Bariton als Giovanni gleichwohl sehr präsent behauptete. Ihn begleitete Jacek Janiszewskis markant tönender Leporello wie ein Buchhalter, mit gelegentlichen Statements am Mikrofon. Thomas Cooley punktete mit geschmeidig-lyrischem Tenor als Don Ottavio, den die Regisseurin von Blässe befreit und in Kampfstellung zum (leider schon toten) Komtur (mit profundem Bass: Alexander Gromysch) aufbaut.<BR><BR>Psychologisch interessant beginnt manches, das nicht immer schlüssig fortgeführt wird. Glitzerpumps beschäftigen offenbar als Fetisch nicht nur Giovanni, sondern auch die Damen: Donna Anna, von Mishelina Kobaliani mit leicht unruhigem, aber in der Höhe blühendem Sopran gesungen, und Shira Karmon, die sich den Tücken der Elvira auslieferte. Valentine Deschenauxs Zerlina toppte ihren Masetto (Thomas Hohenberger) mit verführerischem Sopranklang und wurde beim Fest ein Opfer der greifenden Männer, die den kleinen Giovanni in sich auslebten.</P><P>Weitere Vorstellungen: 26., 31. Juli und 2. August. Karten: 0180/ 50 46 654<BR></P>

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