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Hin und wieder, sagt Margit Bönisch, schmuggelt sie Stücke in den Spielplan, die dort vielleicht nicht erwartet werden – die ihr aber besonders am Herzen liegen. Natürlich zeigt sie auch „Boulevard hoch drei“.

Im Bayerischen Hof

Die Prinzipalin: Sie leitet die Münchner Komödie

München - Seit 1992 leitet Margit Bönisch die Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Wir sprachen mit ihr über Boulevardtheater, Publikumslieblinge und Rechenkünste.

Margit Bönisch überSie ist die Prinzipalin des gehobenen Boulevardtheaters: Seit 1992 leitet Margit Bönisch die Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Die neue Spielzeit eröffnet sie mit der Bühnenadaption des mit vier Oscars ausgezeichneten Films „The King’s Speech“. Wir sprachen mit Margit Bönisch über die Herausforderung, ein Theater zu leiten, das nicht subventioniert wird – und sie verrät, warum sie dennoch keine schlaflosen Nächte hat.

Lüf ten Sie bitte ein Geheimnis: Wie stellt man den Spielplan eines Privattheaters zusammen, bei dem ja letztlich jede Produktion ein wirtschaftliches Risiko darstellt?

Ich habe auch ein Tourneetheater, das die Inszenierungen koproduziert. Wenn ich ein Stück mache, schicke ich es für 20, 30 Vorstellungen auf Tour. Dadurch bin ich etwas abgesichert, weil die Gastspiel-Städte feste Honorare bezahlen. So ist ein Teil der Vorkosten gedeckt, den ich dann in der Komödie nicht mehr erwirtschaften muss. Das ist das ganze Geheimnis. Ohne das Tourneetheater wäre die Komödie wohl nicht überlebensfähig. Dafür sind die Unkosten zu hoch.

Wie oft haben Sie schlaflose Nächte, weil Sie nicht wissen, ob eine Produktion sich rechnet oder nicht?

(Lacht.) Die habe ich zum Glück nicht mehr. Ich kann aber auch nicht sagen, dass ich so abgebrüht bin, dass mir das nichts ausmacht: Ich atme tief durch, gebe beim Ausatmen Negatives nach draußen – und dann geht es mit positiver Energie weiter. Ich werde nie zulassen, dass negative Ereignisse sich im Körper festsetzen. Dazu hat das Leben eine ganz andere Wertigkeit.

Was muss ein Stück auszeichnen, damit Sie sagen: Das ist was für meine Komödie?

Das ist eine schwere Frage, denn ich versuche, auch Stücke in den Spielplan zu schmuggeln, die dort nicht unbedingt erwartet werden, die mir aber am Herzen liegen. Zum Beispiel ist „The King’s Speech“, unsere Eröffnung der Spielzeit, keine reine Komödie, ebenso „Die Wahrheit“ mit Michael von Au. Das Stück könnte genauso am Residenztheater laufen oder an den Kammerspielen. Mein Anspruch ist immer etwas höher gewesen, denn ich habe – vor meiner Zeit an der Komödie – Klassiker oder moderne Stücke auf Tournee gezeigt. Ich spiele aber auch typischen Boulevard, denn es gibt viele Menschen, die das lieben. Außerdem kann ich das Publikum nicht permanent überfordern. Deswegen zeige ich stets Stücke, die Boulevard hoch drei sind, aber eben auch Anspruchsvolleres, worüber dann andere Besucher glücklich sind – und ich neue Abonnenten gewinne.

Wie gut muss man rechnen können, um ein Privattheater zu führen?

Ich habe Wirtschaftsabitur...

Ich weiß...

(Lacht.) Man muss schon rechnen können. Aber man kann eben nicht alles berechnen. Die großen Unbekannten sind das Publikum und die Frage: Wie kommt welches Stück beim Zuschauer an?

Bei Ihrem Spielplan fällt auf, dass manche Produktionen deutlich länger laufen als andere...

Das hat etwas mit Risikobereitschaft zu tun. Ein Ein-Personen-Stück wie vor einigen Jahren „Im Zweifel für den Angeklagten“ mit Christian Kohlund in der Komödie zu zeigen, ist natürlich schon vom Titel her ein Risiko. Ich habe zum Beispiel von Yasmina Reza „Kunst“ produziert und hätte gerne ihr Stück „Gott des Gemetzels“ auf den Spielplan genommen. Doch ein solcher Titel in der Komödie? Das geht nicht.

Hat Ihr Publikum Lieblinge? Schauspieler, bei denen das Haus voll ist, egal, in welchem Stück sie auftreten?

Das Publikum ist längst nicht mehr so, dass ihm alles egal wäre. Aber begehrt sind natürlich die Stars aus Film und Fernsehen. Doch die bekommt man nicht so leicht, weil sie bei Film und Fernsehen eben viel verdienen – auch wenn die Gagen dort inzwischen rückläufig sind. Dazu kommt, dass ich zwei Jahre im Voraus planen muss – ich habe jetzt die Verträge für die Spielzeit 2014/15 abgeschlossen.

Sie leiten die Komödie seit 1992. Gibt es überhaupt noch Momente, in denen Sie nervös werden?

Wenn zum Beispiel ein Hauptdarsteller krankheitsbedingt ausfällt – und das Haus über Tage ausverkauft ist, dann werde ich innerlich ganz ruhig und versuche, schnellstmöglich Ersatz zu organisieren. In solchen Momenten erkenne ich mich selbst kaum wieder. Ist dann allerdings alles überstanden, muss ich mich eine Woche erholen. (Lacht herzlich.) In einem Staatstheater würde man die Vorstellungen absagen, wenn der Hauptdarsteller krank ist. Das kann ich mir finanziell nicht leisten.

Was entgegnen Sie Menschen, die naserümpfend erklären, in der Komödie werde nur seichtes Boulevardtheater gezeigt?

(Ernst.) Dass es viele Menschen gibt, denen eben das gefällt. Und dass ich dennoch viele Stücke im Spielplan habe, die anspruchsvoller sind. Zuschauer, die nur Boulevard mögen, melden sich danach gern mal bei uns und fragen: „Warum spielt Ihr denn das? Euer Theater heißt doch Komödie.“

Stimmt der Satz, dass das Leichte das Schwere ist?

Ja, das ist so.

Viele Theater haben das Problem, dass junge Zuschauer ausbleiben. Wie gehen Sie damit um?

Das hat sich in meiner Zeit hier am Haus geändert, weil ich etwa musikalische Produktionen mache, oder weil ich Stars wie Georg Preuße hier hatte mit „Mary“ oder in „Cabaret“. Da kommt ein völlig anderes Publikum, das dann oft die Schwellenangst verliert und sich andere Produktionen anschaut. Viele kannten bis dahin die Komödie gar nicht!

Welche Vorstellung würden Sie jemandem, der noch nie in der Komödie war, in der neuen Spielzeit empfehlen?

(Lacht.) Das ist schwer. „Gut gegen Nordwind“ – das ist sowohl für ein intellektuelles Publikum als auch für Menschen, die Komödie lieben, modern, witzig, melancholisch und anrührend.

Premieren der Spielzeit 2013/14

„The King’s Speech – Die Rede des Königs“ von 18. September bis 2. November

„Gut gegen Nordwind“ von 3. November bis 30. November

„Die Feuerzangenbowle“ Einzeltermine im Dezember und Januar

„Oscar und Felix“ von 4. Dezember bis 8. Februar

„Die Wahrheit“ von 12. Februar bis 30. März

„Othello darf nicht platzen“ von 2. April bis 17. Mai

„Omma Superstar“ von 28. Mai bis 12. Juli

„Verliebt, verlobt, verschwunden“ von 18. bis 24. Mai sowie von 13. bis 19. Juli

„Loriots dramatische Werke“ von 23. Juli bis 6. September

Kinderstück: „An der Arche um Acht“ im November und Dezember

Karten für die Vorstellungen können unter Telefon 089/ 29 16 16 33 reserviert werden. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.komoedie-muenchen.de.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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