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Fingerzeig in die falsche Richtung: Russlands Präsident Wladimir Putin (li.) und sein Unterstützer Valery Gergiev, ab 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Valery Gergiev

Pro-Putin Brief: Philharmoniker-Dirigent in Kritik

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München - Ist Valery Gergievnach seiner Unterschrift unter einen Pro-Putin-Brief als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker tragbar? Die städtischen Offiziellen gehen in Deckung.

Am Sonntag in einer Woche werden gleich beide das Podium der Londoner Barbican Hall betreten. Valery Gergiev, Dirigent, und Denis Matsuev, Pianist. Auf dem Programm: das zweite Klavierkonzert von Liszt mit dem London Symphony Orchestra. Ein unerträglicher Moment, wie einige Musikfreunde finden, sie haben wütend ihre Karten zurückgegeben. Gergiev und Matsuev haben den offenen Brief unterzeichnet, der Wladimir Putins Ukraine-Politik gutheißt (wir berichteten). Proteste im Saal wurden auch schon angekündigt – ein Vorgeschmack auf das, was dem künftigen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker an der Isar blühen könnte.

Die hiesigen Verantwortlichen von Stadt und Orchester sind einstweilen auf Tauchstation gegangen. Die offizielle Losung, egal, wen man fragt: Man werde sich nicht zu den persönlichen politischen Ansichten Gergievs äußern. Inoffiziell hört man freilich anderes. Von einer „Schockstarre“ bei den Philharmonikern. Von heftigen Debatten auf der Orchesterversammlung vor einigen Tagen, die in einem Maulkorberlass mündete. „Wo bleibt unsere Meinungsfreiheit, wenn sich Gergiev artikulieren darf?“, wird ein Musiker zitiert.

Einigen Stadträten schwant allmählich, wen sie Philharmonikern und Publikum zumuten – auch wenn Gergiev bei der Berufung auf 99 Prozent Zustimmung in Münchens oberstem Entscheidungsgremium kam. Diese Politiker denken nun an den radikalen Schnitt: an eine Vertragsauflösung, noch bevor Gergiev im kommenden Jahr sein Amt antritt. Florian Roth zum Beispiel, Fraktionsvorsitzender der Grünen, fordert ein Gespräch mit dem Star, danach müsse über eine weitere Zusammenarbeit entschieden werden. Ähnlich denken Rosa Liste und Mitglieder der CSU-Fraktion. Das Problem: Juristisch haltbare Gründe für eine außerordentliche Kündigung lassen sich kaum zimmern. In ihren Richtlinien fühlt sich zwar die Stadt einem Menschenbild verpflichtet, „welches auf der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Europäischen Charta der Grundrechte steht“. Doch ob solche Formulierungen helfen? Die Alternative wäre: Die Stadt trennt sich von Gergiev und zahlt ihn aus. Mindestens fünf Millionen Euro dürfte das kosten, eine Summe, die öffentlich nicht vertretbar wäre.

Die ungute Nähe von Gergiev zu Putin schadet den Philharmonikern noch aus ganz anderem Grund. Das Tourneegeschäft wird erheblich darunter leiden. Bleibt Putin auf Konfrontationskurs, sitzt Gergiev quasi in Sippenhaft. Kaum denkbar, dass er (und mit ihm die Philharmoniker) für Reisen in die USA, Japan oder viele europäische Länder gebucht werden. Die Positionierung auf dem internationalen Markt – inklusive einkalkulierter Extra-Gagen für Gergiev – bliebe ein Wunschtraum. Konsequenzen für Putins Unterstützer aus Künstlerkreisen werden in diesen Tagen schon gemeldet: Das Konservatorium im ukrainischen Lwiw (Lemberg) entzog dem Bratscher Yuri Baschmet die Ehrenprofessur, ein für den 27. März geplantes Konzert mit Pianist Denis Matsuev in Kiew wurde abgesagt.

Welcher Teufel Gergiev mit seiner Putin-Unterstützung reitet, darüber sind sich nicht nur die im Unklaren, die häufiger mit ihm zu tun haben. Unstrittig ist er als Chef des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg der Zar des russischen Musiklebens. Und gut möglich, dass Gergievs Präsenz und sein Wirken vieles verhindert haben in einer Szene, über die Kulturminister Wladimir Medinski herrscht – ein nationalistischer Geschichtsklitterer, der mit seiner Behauptung, Tschaikowsky sei doch gar nicht schwul gewesen, für einen weltweiten Lacherfolg gesorgt hat.

Viele, die Gergiev näher kennen, sind sich sicher: Seine Unterstützung für Putin ist nicht nur taktisch motiviert, er denkt tatsächlich so. Grossrussisch, nationalistisch und ohne Rücksicht auf Reaktionen aus dem Westen. Auch deshalb leistet er sich keinen Medienberater, der das Schlimmste – wie eben die jüngste Unterschrift oder die total verunglückte Münchner Pressekonferenz zum Thema russische Homophobie – verhindert hätte.

Kaum vorstellbar ist, dass Putin den Finanzhahn für das Mariinsky-Theater zudreht, sollte Gergievs Unterschrift mal irgendwo fehlen. Im Unterschied zu den stummen Mitläufern, die man à la Furtwängler aus der Vergangenheit kennt, ist also Gergievs größtes Problem: Er macht den Mund auf – und stellt sich damit hinter eine Politik, die gerade die Welt in Aufruhr versetzt. Seine Beschwichtigungen wirken dagegen nur halbherzig: Vor einigen Wochen, als vor dem Gasteig gegen Putins Homosexuellen-Politik und Gergievs flankierende Äußerungen demonstriert wurde, kündigte der Dirigent ein Treffen mit der „Münchner Community“ an.

Aus Zeitgründen, so ist zu erfahren, werde dies beim nächsten Besuch im Mai nicht stattfinden können, man denke daher an den Sommer. Vielleicht sogar an einen Termin um den 22. Juli herum, da kehrt Gergiev für einen Abend in den Münchner Herkulessaal zurück. Und dies am Pult eines Ensembles, dessen Namen nicht nur den Ukrainern wie ein dummer Scherz in den Ohren klingen dürfte: Valery Gergiev ist auch Chefdirigent des World Orchestra for Peace.

Markus Thiel

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