Profit und Seelenheil in der Serpentine

- Zunächst einmal Kompliment dafür, dass das Theater 44 sich zweier kleiner Stücke angenommen hat, die so ziemlich in Vergessenheit geraten waren: "Die große Schmährede an der Stadtmauer" sowie "Die Kurve". Dramatische Erstlinge des Münchner Schriftstellers Tankred Dorst. Bei ihrer Uraufführung vor vier Jahrzehnten waren sie so erfolgreich, dass sie den Ruhm des heutigen Büchner-Preisträgers begründeten. Nun also der Blick einer neuen Generation auf diese Einakter.

<P></P><P>Die "Schmährede. . .", eine fernöstlich angesiedelte Parabel à la Brecht, ist zweifellos das bessere, das poetischere Stück. Eine junge Frau fordert vor der Mauer des Palastes den Kaiser auf, ihr ihren Mann zurückzugeben. Zwei Offiziere nutzen diese Situation zum bösen Spiel mit der gewitzten, redegewandten, mutigen Soldatenwitwe. In Jenny Bischoff hat Regisseurin Veronika Wolff eine kräftige Protagonistin, versehen mit dem sympathischen, idealistischen Furor der Jugend. Sie muss sich nur noch daran gewöhnen, dass ihr die Zuschauer hier fast zu Füßen sitzen, und entsprechend das Verhältnis von Nähe und Distanz regeln.</P><P>Mark Römisch, vor allem aber die glänzenden Klaus Peter Bülz und Franz Westner, die Soldat und Offiziere spielen, haben dann in der eher kabarettistischen "Kurve" Gelegenheit, komödiantisch aufzudrehen. Wenn die Sonne mittags am höchsten steht, kann das Brüderpaar Anton und Rudolf, intellektueller Sülzer (Römisch) und geschickter Automechaniker (Bülz), damit rechnen, dass sich oben in der Serpentine einer zu Tode fährt. Profit und Seelenheil gehen Hand in Hand - auch in dem Moment, als sich Ministerialdirigent Kriegbaum (Westner) selbst von der tödlichen Straßenbiegung überzeugen will.</P><P>Obwohl die Regie alles in den 60er-Jahren und Ausstatter Arno Scholz im Symbolischen belassen: Die Satire des Einakters kommt noch immer gut an.<BR><BR>Sabine Dultz<BR><BR>Karten unter 089/ 322 87 48.<BR><P></P>

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