Von Prominenten besessen

Star-Jäger: - Wolfgang Maier ist bei den Filmstars wortwörtlich im Bilde: Auf über 80 000 Fotos hat sich der 54-jährige Münchner mit Prominenten ablichten lassen. Eine Auswahl davon wird während des Filmfests München im Rahmen einer Ausstellung gezeigt.

Klaus Kinskis stechender Blick hat schon viele Filmhelden ins Visier genommen: Omar Sharif, Bruno Ganz und Clint Eastwood hat er auf der Leinwand das Fürchten gelehrt. Auch Wolfgang Maier begegnete der wohl exzentrischste deutsche Schauspieler mit bissigem Gesichtsausdruck.

Der Filmenthusiast und Kleinrollen-Darsteller aus München ließ sich davon nicht einschüchtern. Mit freundlich-charmanter Offenheit entwaffnete er Kinski. "Grüß Gott, ich bin der Herr Maier, und ich freue mich, Sie kennenlernen zu dürfen." Eine halbe Stunde später hatte er ein gemeinsames Foto mit dem Schauspieler.

Nie zuvor oder danach musste Maier bei der Bitte um ein Foto so viel Mut aufbringen. "Den Kinski wennst triffst, hast a Problem", hatten ihn Filmkollegen gewarnt. Und dementsprechend nervös war Maier im Umgang mit dem Exzentriker: "Ich wusste, wenn ich jetzt nicht den richtigen Ton treffe, schmeißt er einen Schuh nach mir."

Der große Wurf aber gelang Maier zur eigenen wie auch zur Verwunderung des ganzen Filmsets. Auf dem inzwischen über 30 Jahre altem Foto sieht man Kinski, mit struppiger Löwenmähne, Zigarette rauchend, den Ellbogen lässig auf Maiers Schulter legend. Von den Tausenden Bildern, die den Münchner mit Promis zeigen, ist ihm dieses Foto das wertvollste.

Maier ist, seitdem er denken kann, leidenschaftlicher Sammler. "Ich bin einfach besessen", gibt er freimütig zu. Den Briefmarken gehörte seine erste Liebe, die große Leidenschaft blieb diesen aber versagt. "Es war mir schnell zu fad, im stillen Kämmerlein zu sammeln", sagt er. "Das kann man machen, wenn man alt ist." Der 54-jährige Hausmann fühlt sich aber noch so kräftig wie Bud Spencer - mindestens. Neben dem hat er natürlich auch schon vor seiner alten, analogen Olympia-Kamera possiert.

Statt der Briefmarkenbücher wurden also die Fotoalben zum Sammelbecken seiner Passion. Und dabei führte der Zufall Regie. 1974 während eines Spaziergangs durch München stolperte Maier zufällig in Dreharbeiten hinein.

Da dem Regisseur für die kommende Szene noch ein Polizist fehlte, musste Maier in die Uniform schlüpfen. Damit begann seine Karriere als Darsteller für Kleinrollen, die ihm den Kontakt zu großen Filmleuten und damit die Fotoaufnahmen ermöglichte.

Das Drehbuch, mit dem er an sein Ziel gelangt, ist immer dasselbe. "Ich schaue mir die Schauspieler genau an, bevor ich auf sie zugehe", erklärt er seine Strategie. Dann fragt er - höchstens dreimal. "Beim ersten Mal kann jemand schlecht drauf sein, beim zweiten Mal vielleicht keine Zeit haben. Aber wer auch beim dritten Mal ,nein’ sagt, den lass ich in Frieden." Manfred Krug und Walter Sedlmayr ließen den Fotografen abblitzen. Die meisten Schauspieler aber reagieren laut Maier positiv.

Seine beeindruckende Bilanz nach über 800 Kurzeinsätzen in Filmen und über 40 Jahren Trophäenjagd geben ihm Recht: 80000 Fotos und 50000 Autogramme hat er erbeutet. Das macht 130 000 Anekdoten, und am liebsten würde sie Maier alle erzählen.

Zum Beispiel die Geschichte, wie er, der schmächtige 1,75-Meter-Mann, in der Münchner Maximilianstraße aus Versehen beinahe ein Kraftpaket umgerannt hätte, das sich als Arnold Schwarzenegger erwies. Oder die Schock-Episode, als er bei einer zufälligen Begegnung mit TV-Entertainer Harald Schmidt kein Foto mehr übrig hatte, weil er den Film beim Kollegen Wim Thoelke verschossen hatte.

Maier sonnt sich statt in der Karibik lieber im Glanz der Filmstars, auch wenn er meint: "Ich habe mich nie in den Vordergrund gedrängt. Ich wollte einfach dabei sein."

Auf über 100000 Euro schätzt er die Kosten für den Stoff, aus dem die Zugehörigkeit besteht: Filme, Fotopapier, Hüllen, Kleber und insgesamt 400 Alben. Die verteilen sich in grüner, blauer und roter Ausfertigung in der gesamten Wohnung. Kaum ein Schrank oder eine Schublade zwischen Wohn- und Schlafzimmer, in der kein Filmstar hinter Klarsichthülle und an Fotoecken gefesselt auftaucht.

Dass sich Maier im ureigensten Hoheitsgebiet der Ehefrau, in der Wohnungseinrichtung, so ausbreiten durfte, dafür ist er ihr dankbar. Von ihr und seinen drei inzwischen erwachsenen Kindern hat er immer den notwendigen Rückhalt bekommen. Maier weiß das sehr zu schätzen, und er hat sich revanchiert: An exponierter Stelle in der Wohnung, dort wo der Blick der Gäste zuerst hinfällt, steht kein Foto von Romy Schneider, Hanna Schygulla oder Barbara Sukowa: Dort befindet sich das Bild seiner Frau.

Ausstellung beim Münchner Filmfest

Willy Harlander hatte es geahnt. "Hör‘ nicht auf mit deiner Sammlung, das wäre eine Schande", soll der im Jahre 2000 gestorbene Schauspieler zu Wolfgang Maier gesagt haben. "Da kommt noch einmal jemand, der will was davon." Harlanders Prophezeiung wird nun Realität. Die Tage, an denen Maier gemäß seines Credos "nur dabei ist", sind vorbei. Jetzt steht der Münchner Filmenthusiast im Vordergrund.

Im Rahmen des Münchner Filmfests sind etliche Bilder aus Maiers Sammlung im Filmmuseum zu sehen. "Herr Maier und die Stars" heißt die Ausstellung, die vom 20. bis 30. Juni im Filmmuseum stattfindet. Maier wird die Eröffnung begleiten und dabei die Rollen tauschen: Der Autogrammjäger muss dann selbst signieren.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch
Reinhard Kleist legt zum 60. Geburtstag von Nick Cave eine eindrucksvolle Comic-Biografie des Künstlers vor.
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch

Kommentare