Ein Prosit auf den Tod

- Bis auf Seite 34 des Programmhefts muss man blättern, dann prangt es einem entgegen: "Mitleid mit der Frau!" Entnommen ist die Überschrift dem Verdi-Roman von Franz Werfel. Und in diesem Kontext entfaltet die Bitte natürlich (gewollte?) Hintergründigkeit. Denn mal ehrlich: Wegen Giuseppe Verdi, den Wiener Philharmonikern, ja auch wegen Rolando Villazón, Thomas Hampson oder Meisterregisseur Willy Decker ist natürlich keiner angereist, um Salzburg in den karajanesken Ausnahmezustand zu stürzen.

Schwarzmarktpreise bis zu 4500 Euro

Es klunkern also die Steine, es bonzt das Publikum. Auffahrt der Adabeis mit Benz und Rolls, Schwarzmarktpreise bis zu 4500 Euro, für die Zwielichtige mit 500er-Scheinen wedeln, dazu ORF-Kameras in steter Jagdbereitschaft, auf dass Gesichter unter Schminkbeton oder das Zäpfchen der Diva bestmöglich ins Bild gesetzt werden: "Mitleid" demnach? Anna Netrebko, Darling der Festspielstadt und Pflegemittel eines schwer schwächelnden Klassikmarkts, hat die Hysterie inklusive Schaukochen auf dem Domplatz letztlich auch bedient. Und gemessen an diesem Tamtam stand sie wohl wirklich vor der wichtigsten Premiere ihrer bisherigen Karriere.

Dass sie "La traviata" nicht nur mit Anstand, sondern mit Verve hinter sich gebracht hat, spricht für sie. Für ihre Coolness, vor allem für die Professionalität, auf den Punkt in der ihr möglichen Bestform zu sein. Drei Sängerinnen, so wird oft analysiert, erfordert im Grunde die knifflige Partie. Wer die Netrebko hat, spart sich mindestens eine. Für die dramatische Emphase im zweiten und das Piano-Verglimmen Violettas im dritten Akt ist sie eine grandiose Besetzung. Weniger für den Beginn, wo Verdi noch einmal den Belcanto beschwört, wo vokaler Zierrat mit souveräner Geste in Ausdruck umgesetzt werden müsste. Und als Ergebnis also nicht, wie hier, die solide Bewältigung ertönt.

Anna Netrebko weiß ja um die relative Farbarmut ihres Soprans, der dank der Metallbeimischung wie von selbst im Riesenraum des Großen Festspielhauses trägt. Anders etwa als ihr Partner Rolando Villazó´n, der gern bereit ist zur totalen Entäußerung, "brennt" die Stimme der Netrebko nicht. Wer die Augen schließt, hört Distanz. Aber das fällt irgendwann nicht mehr ins Gewicht: Die Netrebko differenziert eben in Dynamik und Ausdruck, verschmilzt fern aller Klischees mit der Rolle und baut auf ihre unvergleichliche Ausstrahlung. Bei ihr, das ist die Chance, hört das Auge mit.

Willy Decker nutzt das, ist jedoch klug genug, seine Produktion nicht zur Anna-Show aufzudonnern. Die womöglich einzige echte Liebesgeschichte einer Edel-Hure erzählt er als intensives wie genaues, kühles wie illusionsloses Reflektieren über den Tod und die Zeit. Eine bedrohliche Beerdigungsgesellschaft, die sich ins hohle Amüsement flüchtet, huldigt da ihrem zerbrechlichen Götzenbild. Immer wieder begegnet Violetta einem geheimnisvollen Alten, vor dem sie erschrickt, dem sie trotzig ihr Schampus-Glas entgegenreckt, an den sie sich am Ende auch ermattet lehnen wird: Dr. Grenvil (Luigi Roni) ist hier die Vaterfigur aus dem Jenseits, ein still mahnender, fast liebenswerter Todesbote.

Grandioses Sänger-Trio und ein schwacher Dirigent

Gottlob ist der Regisseur kein Blender. Abgesehen von der penetrant eingesetzten Chiffre eines Zifferblatts braucht Decker keine Mätzchen, um dicht an den Personen zu bleiben, Beweg- und und Hintergründe mit natürlichen Figurenführungen zu verdeutlichen. Wolfgang Gussmann lieferte hierzu die wohl beste Bühne, die in den letzten Jahren fürs Große Festspielhaus entworfen wurde: ein dynamisch geschwungenes Halbrund, eine klinisch weiße, akustisch indes heikle Lamellenwand, die ins Auditorium greift und gleichzeitig Intimität ermöglicht. Dort, in dieser Laborsituation, ist Rolando Villázon als Alfredo weniger Frauenheld, eher der Typ schüchterner Firmling. Sympathien weckt er durch seine Schutzlosigkeit, die immer spürbar bleibt, auch wenn's inbrünstig wird. Sein Tenor mag in kleineren Häusern präsenter klingen, weniger forciert. Doch die Kompromisslosigkeit, sein außerordentliches Stimmpotenzial, auch die stilistische Sicherheit, mit der er Dramatik kanalisiert, all das macht ihn der Netrebko mehr als ebenbürtig.

Dieser Alfredo hat nicht nur die falsche, bald verlöschende Flamme, sondern auch einen Papa-Komplex. Und so deutlich wie in dieser Inszenierung hat man den familiären Hintergrund womöglich noch nie gespürt. Der wunderbare Thomas Hampson ist ja ohnehin kein lyrischer Säusler, daher als Germont Klang gewordene Hartherzigkeit, ein wie betoniertes Denkmal des Bürgertums - und dabei jähen Stimmungsschwankungen zwischen Mitleid, Reserviertheit und Ohrfeige unterworfen.

Dass freilich die Festspiele für dieses Trio und Deckers Feinjustierungen keinen adäquaten Dirigenten fanden, ist ein Armutszeugnis. Gemeinerweise spielen nämlich die Wiener Philharmoniker so, wie Carlo Rizzi schlägt: Phrasierungsschmelz gibt's kaum, als Ersatz Bremsmanöver bis zum Stillstand. Und ansonsten wird aufdringliche Klanglichkeit und ein Humtata produziert, das entfernt an Rossini, meist aber an eine Kurkapelle erinnert.

Die glücklichen Ticketbesitzer störte es kaum: Standing Ovations für die Netrebko, Jubel für den Rest inklusive Willy Decker und einen Abend mit Gänsehaut-Momenten, der freilich eine weitere versteckte Boshaftigkeit enthält. Denn die Feierwut und Sensationslust, die Decker da bloßstellte, kam einem doch irgendwie bekannt vor: "La traviata" - das maßangefertigte Stück also nicht nur für die Diva, sondern auch gleich für ihr Publikum.

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