Prosperos kleiner Horrorladen

München - Nein, nein, nein: Die Ansprüche an eine der wichtigsten Bühnen des Landes nur nicht runterschrauben und anpassen an die allseitige Gefälligkeit. Nur weil das Ding bloß knappe zwei durchaus unterhaltliche Stunden dauert, muss nicht gleich mit dem Premierenpublikum mitgejubelt werden.

 Nur weil die erste Schauspielerin des Hauses mit einiger Bravour die männliche Hauptrolle spielt, sind ja nicht automatisch alle Facetten des großen Werks ausgeleuchtet. Nur weil die Handlung durch eine bunte Videowelt bebildert und interpretiert wird oder marthalerhafte Komikerszenen die Zuschauer zum Lachen bringen, ist das noch lange nicht eine Inszenierung auf der Höhe der Zeit. Der Regisseur hat sich mit der Oberfläche große Mühe gegeben, mit der weltumspannenden Dimension des Werks hat er es sich zu einfach gemacht. Ein Leichtmatrose der Regie: Stefan Pucher inszenierte an den Münchner Kammerspielen "Der Sturm" von William Shakespeare - mit Hildegard Schmahl als Prospero und, wie's hier so üblich ist, in "eigener Bearbeitung" der ziemlich schnoddrigen Übertragung von Jens Roselt.

"Gott hilf uns, ein neuer Sturm", schreit - in Anspielung auf die schon 13 Jahre zurückliegende Kammerspiele-Inszenierung von Dieter Dorn - zu Beginn einer der Schauspieler in dem als Prolog vorangestellten Videofilm. Der führt ein in das Stück und zeigt den Untergang des Königsschiffs in den Sturmwellen des Meeres. Manipuliert von Ariel, dem in strenges Schwarz gekleideten Luftgeist und Diener Prosperos. Man könnte auch sagen: Regieassistent des Inselherrschers, der schließlich der Regisseur des Theaters im Theater ist, des Schiffbruchs und all dessen, was jetzt noch kommt.

Suggerieren Leinwand und See unendliche Weite, erscheint danach die rettende Insel als enger, ziemlich spießiger Fluchtpunkt, als Prosperos kleiner Horrorladen. Der liest, jedenfalls so, wie er seine Tochter Miranda ausstaffiert, wahrscheinlich keine gelehrten Bücher, sondern Lifestyle- Hochglanzjournale. Die Bühne ist räumlich stark eingeschränkt durch ein solches überdimensional großes, hochkant aufgestelltes und aufgeschlagenes Printprodukt. Die erste Doppelseite: das verkitschte Wohnzimmer mit floraler Tapete, Raubkatzenthron, Glutaugenkamin, einem ausgestopften Huhn - soviel zum pervertierten Verhältnis Mensch/ Natur - und einem dunkelblauen Theatervorhang, hinter dem sich wiederum ein Videobildschirm befindet, über den Prospero die zwölf Jahre zurückliegende Befreiung Ariels aus den Ketten der Hexe Sycorax abspielt. Vorher noch hält er seinen langen Monolog, der seine einstmalige Entmachtung schildert sowie seine Rettung auf diese Insel, die er sich untertan gemacht hat. Damit kommen wir zu Hildegard Schmahl.

Warum muss eine Frau den Prospero spielen? Warum nicht? Die Schmahl ist schließlich eine ausgezeichnete Schauspielerin - mit einer Ausstrahlung und einem Gesicht, hinter dem sich zunächst mehr als ein Geheimnis vermuten lässt. Doch in dieser Rolle hält sie nicht, was ihre in Schwarz gehüllte Erscheinung verspricht. Mit einem Glasauge - das eines Zauberers? ­, mit dem halblangen grauschwarzen Haar, mit der Schönheit ihres Antlitz' täuscht sie nur die ungeheure Spannbreite der Figur zwischen Gelehrtem, Magier, Vater, Menschenmanipulator, Gewaltherrscher und Theaterregisseur vor. Dass nämlich Schmahl ziemlich forciert den Mann Prospero spielt und nicht einfach den Menschen, dass sie sich in ihrem Gestus so einem Männlichkeitsklischee hingibt, dass sie auf den Zauber, der ihr nur ein Fingerschnipsen wert ist, weitgehend verzichtet, dass sie als Prospero am Ende eben nicht den Zaubermantel ab- und die Bücher ins Meer wirft - das verflacht diese letzte große Weltfigur Shakespeares. Wie auch die eigene schauspielerische Leistung.

Und damit gerät die Inszenierung in die Falle. Der Aufführung fehlen die Magie, die Poesie, die Dialektik, die großen Fragestellungen nach Macht und Moral. Sie ist eindimensional. Ihr Blick auf Stück und Figuren bleibt so ausschnitthaft, wie das meist nur im spitzen Winkel aufgeklappte Bühnenbilderbuch.

Darin ist wohl Platz für allerlei Gags, von denen die Hofstaat-Darsteller reichlich Gebrauch machen ebenso wie drei muntere Go-Go-Mäuschen und das mit langen Rothaar-Perücken und scheußlichem Partylook ausstaffierte Liebespaar Miranda und Ferdinand. Aber kaum für die Fantasie des Zuschauers.

Schwer hat es in dieser Inszenierung Thomas Schmauser als Caliban. Dass er nicht das Untier spielt, den Inselwilden, sondern das unter Prosperos Zivilisation gezwungene Opfer, ist ja wohl selbstverständlich. Als nicht erwachsen gewordener Bub in kurzen Hosen und kariertem Hemd, als Prototyp des unterdrückten "kleinen Mannes" muss er sich hier unverständlich sprechend mit allerlei Protesttext durchs Stück trollen.

Das Gegenteil von ihm bietet Wolfgang Pregler als Ariel. Er hat als Einziger etwas von der Doppelbödigkeit des Stücks: Des Zauberers Diener, Assistent und Spieler, schlüpft er in verschiedene Rollen und Kostüme und ist sich dabei als Darsteller selbst immer seiner Lächerlichkeit und zugleich Überlegenheit bewusst. Wenn Pregler dann gegen Ende Shakespeare im Original spricht, klar, schön und unverstellt, dann ist das der wahrhaftigste und daher der einzige berührende Moment des Abends.

Übrigens: Da auch hier wieder allen Darstellern Mikroports an die Backen geklebt wurden, muss man allmählich annehmen, die Schauspieler der Münchner Kammerspiele, dieses kleinen, intimen Ideals von einem Schauspielhaus, haben ein wesentliches Handwerksmitttel ihrer Kunst verloren: das Sprechen. Ein trauriges Signal.

Nächste Vorstellungen: 10., 20., 24. November.

Die Besetzung

Regie: Stefan Pucher. Bühne: Barbara Ehnes. Kostüme: Annabelle Witt. Video: Chris Kondek. Darsteller: Hildegard Schmahl (Prospero), Wolfgang Pregler (Ariel), Katharina Schubert (Miranda), Oliver Mallison (Ferdinand), Walter Hess (Alonso), Jörg Witte (Sebastian), René Dumont (Antonio), Peter Brombacher (Gonzalo), Thomas Schmauser (Caliban), Stefan Merki (Trinculo), Bernd Moss (Stephano).

Die Handlung

Buchnarr Prospero, vertriebener, der Zauberei mächtiger Herzog Mailands und seit 12 Jahren Beherrscher einer Insel und ihres Ureinwohners Caliban sowie des Luftgeistes Ariel, erteilt seinen Gegnern eine Lektion: Als Schiffbrüchige treibt er sie an Land, macht seine Tochter und Prinz Ferdinand ineinander verliebt, lässt die anderen durch wahre Schrecknisse sich zum Besseren läutern und verlässt am Ende mit den Seinen die Insel.

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