Volksfeind? Selbstverliebter Pfau? Gutmensch? Tomas Stockmann (Friedrich Mücke) steht am Ende allein. Die Mehrheit, die ihn angeblich unterstützt, besteht nur aus Pappkameraden. Foto: Arno Declair

Protest ist Party

München - Bettina Bruinier inszenierte am Münchner Volkstheater Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“. Eine Premierenkritik:

Von Michael Schleicher

Solche Bürger können sich die Verantwortlichen aktueller Großprojekte wie Stuttgart 21 oder dem Ausstieg aus dem Atomausstieg nur wünschen: Wird der Protest zu unruhig, berührt er gar die eigenen wirtschaftlichen Interessen, werden Entscheidungen an die Politik delegiert, die mit Sachzwängen argumentiert - und „alles ist wie immer“. Diesen Mechanismus deklinierte Ibsen 1882 in „Ein Volksfeind“ durch. Hier entdeckt der Kurarzt eines Badeorts Krankheitserreger im angeblichen Heilwasser. Presse und Mittelstand feiern ihn dafür, wenden sich jedoch abrupt ab, als der Bürgermeister vorrechnet, was eine Sanierung kosten würde.

Bettina Bruinier hat das Drama am Münchner Volkstheater inszeniert und für ihre gut 100 Minuten lange Fassung den Text beinahe bis zur Magersucht verschlankt. Das ist nicht unbedingt schlecht, gilt ihr Interesse doch dem Grundkonflikt, dessen exemplarische Bedeutung sie auf der Bühne, die Markus Karner mit einigen weißen Stellwänden unterteilt hat, herausarbeiten lässt. Keine Einwände also gegen diesen Ansatz. Und doch bleibt Bruiniers Inszenierung oft zu oberflächlich, um als Versuchsanordnung eines allgemeinen gesellschaftlichen Prozesses durchzugehen.

Das mag daran liegen, dass sich die Regisseurin und ihre Schauspieler auf Ibsens Typen gestürzt und diese meist zu Karikaturen verzerrt haben: Da lässt Jean-Luc Bubert als Redakteur Hovstad kaum ein Journalistenklischee aus (ungepflegt, versoffen, schlecht gekleidet, dauerbrunftig). Kristina Pauls spielt die intellektuelle Tochter, ausgestattet mit Sartre-Brille und Kippe, scheint für sie Protest und Party dasselbe zu sein. Und Xenia Tiling ist im grauen Business-Anzug die fraugewordene Mittelstandsvereinigung.

Gewiss: Ibsen hat seine Figuren kaum mit Tiefe ausgestattet, auch um das Exemplarische zu betonen. Doch diese Inszenierung übertreibt. Damit unterhält die Regisseurin zwar - bringt den Zuschauer jedoch auch in die komfortable Lage, einer Freak-Show zuzusehen, die nichts mit dem Alltag zu tun hat: Nachdenken lohnt sich also nicht. Richtig ärgerlich ist Bruiniers Ansatz beim Spiel mit Computer und Internet auf der Bühne. Kerstin Polte hat diesen Medieneinsatz konzipiert, bei dem von Schauspielern erstellte Textdokumente oder aufgerufene Homepages unmittelbar auf die Wände projiziert werden. Das hat seinen Reiz, wenn es dem Gesagten eine Ebene hinzufügt: Da verspricht der Redakteur etwa dem Kurarzt mediale Unterstützung. Sein Praktikant Billing (der grundsolide Stefan Ruppe) entwirft währenddessen die Titelseite der Zeitung mit der Schlagzeile „Verkeimt! Verseucht! Vergiftet!“ Das Spiel mit dem Netz funktioniert etwa auch an jener Stelle, an der Friedrich Mücke durchblicken lässt, dass sein Kurarzt Tomas Stockmann nicht nur um das Allgemeinwohl besorgt, sondern auch getrieben von Eitelkeiten ist: Der Begriff „Größenwahn“ wird da zeitgleich im Online-Lexikon aufgerufen. Zum Quatsch verkommt das Multimedia-Geplänkel jedoch, wenn die Schauspieler Begriffe im Internet suchen, die Stück und Inszenierung nicht weiterbringen: „Schamhaarentfernung“ etwa. Pennälerscherze für Pubertierende.

Das ist bedauerlich, denn der Abend hat durchaus starke Augenblicke - wenn die Inszenierung ihre schwarz-weiße Weltsicht vergisst: so in den Auseinandersetzungen, die sich die Brüder Stockmann liefern. Robin Sondermann zeigt den Bürgermeister als „Weiter so“-Berufspolitiker, in dem das „Basta“-Alphamännchen jederzeit geweckt werden kann. Er hütet sich aber, aus seiner Figur eine allzu saftige Karikatur zu machen. Das tut gut.

Gleiches gilt für Friedrich Mücke, der, gerade als sein Kurarzt anfängt, zu sehr Gutmensch und langweilig zu sein, aufscheinen lässt, wie selbstverliebt dieser Typ eben auch ist. Ein bedrückendes Bild gelingt Mareile Blendl, die als Frau des Kurarztes früh zu ahnen scheint, in was sich ihr Mann verrennt und welche Folgen das für ihn und seine Familie haben wird: Stumm und ketterauchend steht sie da, während um sie herum mal gekaspert, mal Theater gespielt wird. Gerne hätte man mehr von ihr und den Kämpfen erfahren, die in ihr toben müssen.

Nächste Vorstellungen am 2., 3., 22., 23. Dezember;

Telefon 089/ 523 46 55.

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