Provokation und Ästhetik

- Sie sind schön. Sie sind durchtrainiert. Sie sind verrucht. Und teilweise sind sie auch mehr oder minder schockierend: Helmut Newton (1920-2004) ging mit seinen Frauenbildern genau einen Schritt weiter als die normale Aktfotografie. Entblößung, Enttabuisierung, Aufreizung - das waren seine Themen. Aus dem renommierten Modefotografen der 60er-Jahre hat sich ein Künstler entwickelt, der zwei Gegensätze vereinen konnte: Provokation und Ästhetik. Das macht jetzt die Ausstellung in der Münchner Hypo-Kunsthalle deutlich, die neben den erotischen Aufnahmen vor allem auch Landschaften zeigt.

Erste komplette Schau

"Sex and Landscapes" ist die erste komplette Präsentation des Themenpaares, das Newton vor seinem Tod 2004 selbst für die Eröffnung der Züricher Galerie de Pury & Luxembourg zusammenstellte. Die Hälfte der 88 Bilder lockte in Berlin 200 000 Besucher an, für die umfassende Neukonzeption zeichnete nun auch Newtons Witwe June verantwortlich.

So treiben jetzt zwei nackte Damen im Park ihr Spiel, klar arrangiert in schlichtem Schwarz-Weiß (1991). Daneben der verschwommene Highway vor den Toren Las Vegas' mit Blick in die Unendlichkeit (1998). Träumerisches Kalkül könnte man diese Kombinationen nennen. Manche Geschichte mag sich hier in der Fantasie entspinnen, gezeigt werden aber immer nur die anregenden Ausschnitte. "Sunshee, Monte Carlo, 1993" wirkt wie eine wilde Katze auf einem Bett. Daneben eine erleuchtete Madonna auf einer Piazza (1977). Und wieder daneben die Fotografie der eigenen Füße, die Newtons berühmte "Big Nudes" der 80er-Jahre treten (1994).

Hier können sich ganze Assoziationsketten bilden von Verderblichkeit bis Blasphemie, von Ideologie und Verehrung. Es könnten aber einfach nur die akribisch arrangierten Momente neben den Momentaufnahmen der Reisen stehen. Nicht nur die "Nurse Wolf, New York 1998" zeigt den großen Inszenierer: Mit den unvermeidlichen Stilettos, im Lackmieder und mit teuflischen Hörnern auf dem Kopf ist sie eine der Vertreterinnen von Obsession und Fetisch. Sämtliche Fotos in Richtung Sado-Maso-Szene sind aber nie vulgär.

Newton ist zu sehr ein Meister des Lichts, der Perfektion, des Unterschwelligen, als dass Pornografie oder Pin-Up aus seinen Arbeiten würden. Die Arrangements erinnern eher an Krimis, an Filmszenen, an Hitchcock oder Buñ~uel. Barbusige Schöne beim Speisen, die hochhackig beschuhten Damenbeine auf einem Kissen kniend, der Polizeihund über dem Teilakt vor dem Swimmingpool, die Dame auf dem Bett mit der Pistole . . . In puncto narrative und erotische Anspielungen ist Newton ein glänzender Regisseur. Die Größe der Abzüge und die penible Installation lassen selbst scheinbar rüde Posen zu unnahbaren Monumenten werden. Wer letztlich die Grenze zum Intimen, zum Obszönen überschreitet, ist der Betrachter mit seinem Voyeurismus.

Helmut Newton selbst spürte schon seit den 20er-Jahren dem Abgründigen und Sündigen fotografisch nach - entweder in messerscharf beleuchteter Üppigkeit oder in puristischen Akten wie einer wild blickenden Naomi Campbell. Wie anders sind da die Landschaften, die eine Flüchtigkeit implizieren, dennoch aber den perfekten Augenblick und Blickwinkel einfangen. Romantische Seestücke sind es mit packenden Licht-Schatten-Würfen, Wellen in Schwarz-Weiß, überspülte Küstentreppen, immer wieder auch Luftaufnahmen oder gleich Flugzeuge.

Ein Romantiker enthüllt sich hier, der sein unstetes Leben von Set zu Set einfängt. Diese Bilder wurden lange nicht berücksichtigt. Erfolg hatte Newton ab 1956 mit Arbeiten für die "Vogue" weltweit, Ausstellungen bestückte er erst ab 1975. Trotz seines Jet-Set-Lebens aber verfolgten ihn auch die Erinnerungen an seine deutsche Heimat, die er 1938 auf der Flucht vor den Nazis verließ. Der Grunewalder See bei Berlin ist in seiner geheimnisvollen Düsternis, mit Lichtreflexen und aller Tiefe wohl ein Sinnbild für alle Seelen, die in Newtons und des Menschen Brust schlummern.

Bis 1. November, Tel. 089/ 22 44 12; Buch: 29 Euro.

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