Psychogramm eines Knastbruders

"Country Music" im Marstall: - Ein Knastbruder, der in einer zerrütteten Familie aufgewachsen ist, den leiblichen Vater nicht kennt, früh mit Gewalt und Alkohol in Berührung kam und einen Selbstmordversuch hinter sich hat ­ so einer ist der Protagonist in Simon Stephens' Stück "Country Music". "Dem Mann ist nicht zu helfen", lautet das Urteil eines Polizeiexperten. Den hat der Regisseur Alexander Nerlich zur Annäherung an die Figur um ein Psychogramm und einer Gefährlichkeitsstudie über die Hauptfigur gebeten.

Nerlich, will Jamie hingegen nicht so schnell aufgeben. Trotz aller pessimistischen Grundstimmung lässt er wie der Engländer Stephens (38) dessen weiteres Schicksal offen. Heute hat er mit dem Stück im Münchner Marstall Premiere.

Nerlich, der bereits Lessings "Philotas" am Bayerischen Staatsschauspiel zur Aufführung brachte, hat dem Theater die Inszenierung des Stücks selbst vorgeschlagen. "Stephens behandelt krasse Themen, ohne rettende Lösungen anzubieten", erklärt der 27-Jährige seine Ur-Faszination für das 2004 erschienene Drama. "Er geht mit seinen fehlbaren Figuren sehr vorsichtig um. Er hebt weder den moralischen Finger noch strickt er aus seiner Geschichte einen blutrünstigen Knaller."

Trotz der Thematisierung von Messerstechereien, Misshandlungen und Mord fließt auf der Bühne kein Blut. Tatsächlich besteht "Country Music" nur aus Gesprächen. Alle Handlung löst sich in größtenteils scheiternde Dialoge auf. Um den Figuren auf den Grund zu kommen, hat Nerlich ihnen "wie ein Detektiv" in den vier losen Szenen nachgespürt. Diese ergeben, chronologisch gebrochen und sich über einen Zeitraum von 20 Jahren erstreckend, wie Puzzleteile das Lebensbild der Hauptfigur.

Wie Stephens, dessen Stück das Destillat einer dreijährigen Studie in Strafanstalten ist, hat sich auch der Regisseur beinahe wissenschaftlich-akribisch mit den Figuren auseinandergesetzt. Außer dem Polizisten haben er und seine vier Darsteller Felix Klare, Felix Rech, Lena Dörrie und Franziska Rieck auch einen ehemaligen Häftling und einen Bewährungshelfer getroffen. "Diese Gespräche haben uns geholfen, die Gefühlslage unserer Figuren besser nachvollziehen zu können und uns daher in der Inszenierung sehr viel weitergebracht", berichtet er. Die Begegnungen erleichterten Nerlich nicht nur, sich in die Charaktere einzufühlen, sondern hatten auch konkret auf das Spiel der Schauspieler Einfluss. Typische Verhaltensweisen, die sich bei Langzeithäftlingen entwickeln, sollen subtil in die Darstellung der Hauptfigur einfließen.

Beim Bühnenbild, für das Gisela Goerttler verantwortlich ist, übt sich Nerlich im "Prinzip des Verzichts". Die Szene soll karg bleiben, nur mit wenigen Versatzstücken versehen. Dass seine Schauspieler dadurch an Verletzlichkeit gewinnen, weil sie dem Publikum direkt ausgeliefert sind, ist für den jungen Regisseur eine neue Erfahrung. Der gesteht freimütig, dass ihm so kurz vor der Aufführung "schon etwas die Beine schlackern".

Vielleicht fallen auch deshalb seine Wünsche an die Wirkung der Inszenierung bescheiden aus: "Ich hoffe, dass sich das Publikum ein bisschen rühren lässt. Den Zuschauern die Figuren ein wenig nahe bringen zu können, das ist es."

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