Es ist ein Psycho-Krimi

- Englands Königin Elisabetta liebt den zum Tode verurteilten Statthalter von Irland, der wiederum hat es auf ihre Hofdame abgesehen: Gaë¨tano Donizettis "Roberto Devereux" bietet Liebe, Machtkämpfe, Eifersucht, Verrat - die idealen Zutaten also für eine große, effektvolle Oper. Am Montag hat das kaum gespielte Stück Premiere an der Bayerischen Staatsoper. Christof Loy, der München 2003 mit Händels "Saul" einen überwältigenden Erfolg bescherte, inszeniert, Friedrich Haider dirigiert. In der Rolle der Königin ist die derzeitige Primadonna assoluta des Belcanto zu erleben: Edita Gruberova.

<P>Vergleicht man die Elisabetta mit Ihren bisherigen Münchner Belcanto-Rollen, dann ist dies wohl die stärkste Frau: Immerhin wird sie am Schluss nicht wahnsinnig, sondern "nur" ohnmächtig.<BR><BR>Gruberova: Die Rolle hat viel mehr Facetten als etwa Lucia di Lammermoor: Jungmädchen-Gefühle, besitzergreifende Herrscherin, rasendes Weib. Sie ist Königin und Frau. Am Ende verzichtet sie auf alles. Ich kann es nicht nachvollziehen, warum die Oper nicht häufiger gespielt wird. Selbst die Callas hat die Elisabetta nicht gesungen.<BR><BR>Dies ist Ihre erste Zusammenarbeit mit Christof Loy. Was hat Sie am meisten überrascht?<BR><BR>Gruberova: Ich war sehr neugierig auf ihn. Es hieß, die Inszenierung werde modern sein - darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen. Ich habe Panik vor Regisseuren, die alles auf den Kopf stellen. Aber er arbeitet wirklich konform und wunderbar mit der Musik, das ist das Wichtigste. Ich bin überrascht, wie gut mir diese Arbeit tut. Es geht ja um Gefühle, die dieselben sind wie vor 500 Jahren. Gefühle einer verratenen, zornigen, resignierenden Frau.<BR><BR>Ein Ventil für Sie?<BR><BR>Gruberova: Ganz sicher. Gerade in diesem Stück ist Donizetti etwas Unglaubliches gelungen, es ist ein Psycho-Krimi. Manche Emotionen kann man ja privat nicht ausleben - höchstens, wenn man allein ist (lacht). Nach einer solchen Probe oder Aufführung, in der man gewissermaßen die Sau rauslässt, ist man irgendwie erleichtert. Emotionen, die wir alle im Alltag anstauen, sind frei gesetzt. Deswegen haben wir Opernsänger so einen begnadeten Beruf. Das ist besser als jeder Besuch beim Psychiater.<BR><BR>Vergessen Sie auf der Bühne Ihre "gute Erziehung"?<BR><BR>Gruberova: Vorausgesetzt, ich bin mit meiner Technik absolut sicher. Dann kann ich mir selbst zuhören, zuschauen und staunen darüber, zu was man imstande ist. Das sind unbeschreibliche Augenblicke. Es ist, als ob man auf einer ganz glatten Wasseroberfläche liegt. Nichts bewegt sich, und man scheint zu schweben.<BR><BR>Sie sind bekannt als sehr selbstkritische Sängern. Sind Sie überhaupt je mit sich zufrieden?<BR><BR>Gruberova: Ja. Es ändert sich im Laufe des Lebens. Am Anfang der Karriere denkt man: Oh Gott, ich habe einen Fehler gemacht, hoffentlich hat keiner was gemerkt! Wobei mir, toi, toi, toi, ganz gravierende Dinge noch gar nicht passiert sind, etwa, dass die Stimme wegbleibt. Mit der Zeit lernt man zu akzeptieren, dass man eben nur ein Mensch ist. Es ist doch nur ein Spiel, davon hängt nicht das Leben ab. Wenn eine Aufführung nicht klappt, dann wird die nächste eben besser.<BR><BR>Warum werden eigentlich manche Belcanto-Opern so wenig gespielt? Weil sie nur durch eine große Sängerpersönlichkeit realisierbar, also im Normalfall gar nicht singbar sind? Fehlt's an der Ausbildung?<BR><BR>Gruberova: Alle wollen immer gleich "Traviata" singen, danach schwerere Partien. Wenn die Stimme nur etwas Dramatik hat, glauben manche, sie sind der Verdi-Star. Sie brüllen sich durch und halten sich für toll. Alles eine falsche Selbsteinschätzung. Ich möchte auch gern Jenufa singen, aber es geht halt nicht. Belcanto erfordert eine genaue Balance von Emotion und Technik. Manche sagen über Donizetti: Was ist das schon? Irgendwelche Melodiechen, dazu Koloratur, zack, zack, und es ist schon Belcanto. Aber es ist wie Mozart, ganz klare Linie. Man kann sich keine Drücker, Schluchzer, Schleifer erlauben. Alles ist pur.<BR><BR>Sehnen Sie sich nach Ihrer "Mozart-Zeit" zurück?<BR><BR>Gruberova: Eigentlich ja. Es war eine Art unschuldige Zeit. Aber jetzt zurückzugehen mit der vielen Erfahrung, etwa zur Donna Anna, das finde ich sehr spannend.<BR>Alle Welt spricht von Ihrer "Norma". Die Bellini-Rolle ist eine Gipfel-Partie. Bislang haben Sie die Norma konzertant gesungen, 2006 gibt es eine szenische Produktion in München. </P><P>Haben Sie Ihre Karriere konsequent darauf hingesteuert?<BR><BR>Gruberova: Ich habe die Norma erst gar nicht gewollt. Sie ist mehr als andere belastet mit großen Namen, wenn man an Gewohnheiten mancher Melomanen denkt, die nur die Callas hören. Ich kann gar nicht sagen, ob sie in meinem Repertoire bleibt. Eine Partie muss reifen. Dreimal konzertante "Norma" bisher, das ist nichts. "Roberto Devereux" singe ich zehn Jahre. Ich habe mir die Latte für "Norma" sehr hoch gelegt. Ich brauche Zeit für "Norma" - doch woher nehmen? Übrigens singe ich die "Casta Diva"-Arie in der Originalfassung, also einen Ton höher, weil bei mir immer noch die Devise gilt: Je höher, desto besser. Und das fast schon 36 Jahre lang, dafür danke ich meinem Gott.<BR><BR>Ein Großteil der Belcanto-Aufführungen ist derzeit an Ihre Person geknüpft. Belastet das?</P><P>Gruberova: Ich muss eben in jeder Vorstellung noch besser sein, das erzeugt Druck. Nicht von Seiten des Publikums, weil ich das eigentlich für mich schon gewonnen habe. Nein, von meiner Seite her. Jeden Abend dieses ungeduldige Zittern, dieser Wille, etwas Besonderes zeigen zu müssen. Da bin ich mir selbst meine stärkste Konkurrenz.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Marionetten der Macht im Volkstheater
Der indische Regisseur Sankar Venkateswaran entwickelte fürs Münchner Volkstheater das Stück „Indika“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Marionetten der Macht im Volkstheater
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Er ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger – jetzt spielt Tim Bendzko in München. Wir trafen den 32-Jährigen vor seinem Konzert in der Olympiahalle zum …
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
Vier virtuose Puppenspielende - ein großes Spektakel: Münchner Merkur und tz veranstalten im Pressehaus das erste Puppetry Slam Festival Deutschlands.
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik

Kommentare